Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit

Wir sind auf der Ruta 5 unterwegs, der größten Autobahn des Landes. Sie durchstreift Chile einmal von Nord nach Süd bis zum Beginn von Patagonien. Als Beifahrerin lasse ich die Landschaft an mir vorbei streichen und erinnere mich an vielen kleine Dinge, die einmal so normal in mein Alltag waren.

So begegnen wir beispielsweise Autos, die frei Schnauze beladen und bis oben hin voll bepackt sind. Keine großartigen Kisten, die alles sicher verstauen, sondern einfach so. Wir überholen Busse der Firma Turbus – eine der bekanntesten Agenturen für Busreisen des Landes. Ich kann mir kein bequemeres Reisen vorstellen, kein Flixbus kann da mithalten. Wir halten an Raststätten, die saubere Toiletten haben, auch ohne dass wir ein paar Münzen einwerfen, eine Schranke passieren und am Ende etwas einkaufen müssen, um anstatt 70 Cent nur 20 Cent zu zahlen.

Wir passieren eine Abfahrt nach der anderen, teilweise mit kleinen Bushaltestellen für die Pendler. Sofern es kein Häuschen gibt, stehen die Reisenden unter Brücken im Schatten oder direkt in der Sonne am Straßenrand und warten auf den Bus.

Ich blicke auf Schüler*innen in ihren Uniformen, streunende Hunde und auch schmutzige Straßenzüge. Ich erfreue mich an energievollen Unterhaltungen, Musik in den öffentlichen Verkehrsmitteln und zwei Frauen, die bei einem Sitz-Konzert ganz selbstverständlich in der ersten Reihe zur Musik tanzen.

Latinoamerika, so kenne ich Dich. So liebe ich Dich.

Nach einem ersten Verschnaufen bei den Großeltern und etwas Schnupfen für den Kleinen und mich selbst, starten wir nun unseren ersten Urlaub in Richtung Punta Arenas und Ushuaia. Mit dem Auto lassen wir den ersten Teil bis Puerto Montt hinter uns, dann geht’s weiter im Flugzeug nach Punta Arenas und von dort aus mit dem Auto bis Ushuaia (Argentinien). Die mehreren tausend Kilometer, die wir insgesamt bestreiten, teilen wir in zwei Wochen auf. Bis dann wollen wir zurück sein und Theos ersten Geburtstag feiern. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieses Datum einige Veränderung mit sich bringt. Der Schlaf am Vormittag brachte in letzter Zeit nur Kampf mit sich. Mit Händen und Füßen, mit all seiner Kraft hat er sich gegen den Schlaf gewehrt. Zu spannend sind draußen im Garten die Hunde und Verwandten, alle Geräusche und Gerüche, alle Geschmäcker und Gespräche. Nach dem dritten Tag mit schmerzenden Handgelenken kam ich an meine Grenze. Wir mussten etwas ändern: kein Vormittagsschläfchen mehr. Wohin führt uns das? Es besteht ein Risiko, dass er quengelig in schlecht gelaunt die Zeit verbringt, doch das mussten wir ausprobieren. Uns ich kann sagen, bis jetzt bringt diese Neuerung einen langen und ausgiebigen Mittagsschlaf mit sich. So auch jetzt im Auto, wodurch wir gut vorankommen.

Ein Jahr alt zu sein bedeutet auch, dass er kein Baby mehr ist. Er wird zum Kleinkind. Jeder Schritt, den er neuerdings an der Hand gestützt macht, belegt genau diese Entwicklungsstufe. Mit ein wenig Wehleid und auch Stolz begleite ich diese Schritte. Wir können zukünftig auf Spielplätze oder im Wald auf Erkundungstour gehen. Wir können auf Bäume klettern und ich kann Dir die Welt zu Fuß zeigen. Es heißt aber auch, dass wir ab jetzt ganz genau aufpassen müssen, wohin Du gehst. Aufpassen, wonach Du greifst, was Dich interessiert und wen Du anlächelst. Damit sind die Zeiten vorbei, in denen Du stillschweigend in der Ecke gespielt hast und dort liegen bleibst, wo ich Dich abgelegt habe. Und so sehr diese neue Entwicklung auch zur Herausforderung wird, so sehr freue ich mich genau auf diese Zeit mit Dir. Jede Etappe bringt ihren Charme mit sich. So auch diese: auf wackeligen Beinen stolperst Du voran, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hoch erhobenen hand zum Gruß an die vorbei ziehenden Gestalten. So freundlich und neugierig bist Du, behalte das bei. Es steht Dir gut.

In Pitrufquén angekommen machen wir Pause. Eine Nacht bleibt uns, 600km liegen hinter uns. Wie im Flug sind sie vergangen und Du hast auch diesen Weg kaum meckernd mit uns bestritten. Ich freue mich, dass der Grundsatz „Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit“ an dieser Stelle aufgeht. Nun ruh Dich aus, morgen gibt es wieder viel Neues zu entdecken.

Nimm Dir Zeit!

In den letzten Wochen hast Du viel Unruhe erlebt. In Deinem zukünftigen Kinderzimmer stapelten sich Kleidung und Mitbringsel. Eine Ansammlung von To-Do-Listen wurde in der Küche festgepinnt – ein Punkt nach dem anderen abgestrichen, andere wiederrum hinzugefügt. „Irgendwas passiert hier!“, magst Du Dir vielleicht gedacht haben. „Warum kann ich den Zettel nicht haben?“, hast Du Dich geärgert. Einordnen konntest Du das Geschehen mit Sicherheit nicht. Hast es so hingenommen, wie es war und genossen, wenn wir zu Hause gespielt haben oder Deine Freunde trafen.

Erinnerst Du Dich noch an unseren Umzug nach Leipzig? Die vielen Kisten, die leeren Schränke, etliche Personen, die rein und raus liefen und die Wohnung in Potsdam Stück für Stück leer räumten. Eingeschlafen bist Du, so aufregend war das alles. Und als Du aufgewacht bist, war plötzlich alles anders. Eine andere Wohnung, andere Stadt, ein anderes Umfeld. Wie mag es sich wohl dieses Mal für Dich angefühlt haben? Einschlafen, aufwachen und plötzlich sind es 30 Grad, anstatt 12, wie gestern noch. Plötzlich ist um Dich rum alles anders: andere Menschen, andere Sprache, anderer Geruch. Und die Leute aus dem Handy stehen auf einmal vor Dir, während die, die sonst öfter vor Dir standen, nun aus dem Handy heraus Dich anlächeln.

Wir haben uns etliche Gedanken gemacht, wie wir es Dir so angenehm wie möglich gestalten können. Keine Schmerzen bei Start und Landung, ausreichend Ruhe zum Schlafen finden, die vielen Eindrücke gut verarbeiten können. Uns blieben nur Spekulationen und das Schmieden von Plänen. Eine definitive Antwort blieb vorerst aus. Bis zum Tag der Abreise! Ein langer Weg lag vor uns: insgesamt 26,5 Stunden von unserer Haustür bis zum Verlassen des Flugzeugs. Und Du kleiner Mann musst mit, ohne zu verstehen warum das alles. Wie unfair ist es doch manchmal, dass Du Dich nicht ausdrücken kannst, nicht rufen kannst „STOPP! Ich will das nicht!“. Nicht fragen kannst „Was ist hier los? Wo fahren wir hin?“ Aber glaube mir, es kommt die Zeit, da hast Du diese Fähigkeiten, kannst Dich mitteilen, uns mit Worten wissen lassen, was Dich stört, Dich belastet und beschäftigt. Und auch wenn wir dann in Ruhe darüber sprechen können, so führt kein Weg daran vorbei: auch dann wirst Du mit uns diese lange Reise auf Dich nehmen. Denn Oma und Opa, Onkel und Tante und die Uroma wohnen weit weg. Auf der anderen Seite des Atlantiks. Du wirst es sicherlich verstehen, wirst vermutlich ausreichend abgelenkt von den vielen Trickfilmen im Flugzeug seelenruhig schlafen und Deinen chilenischen Verwandten beim Wiedersehen freudig in die Arme laufen. Nur jetzt noch nicht. Jetzt ist alles komisch und Du brauchst Zeit, Dich daran zu gewöhnen. Wir geben Dir diese Zeit und sind bis dahin an Deiner Seite. Geben Dir Halt und nehmen Dich ernst. Mach Dir keine Gedanken, wir sind für Dich da.img-20181127-wa0009530032146.jpg

Mich persönlich hat gefreut, dass wir lange Wartezeiten auf der ganzen Reise umgehen konnten. Präferenz hier, bevorzugte Behandlung da. Für Familien wird versucht, alles so unkompliziert und angenehm wie möglich zu gestalten. Als erstes ins Flugzeug einsteigen. Ein Babybett, welches man in die Wand vor sich einhaken kann. Eine separate Warteschlange beim Kontrollieren der Pässe und Durchleuchten der Koffer. All das hat uns viel Zeit erspart und das dünne Nervenkostüm entlastet. Und auch wenn wir im Endeffekt weniger Zeit mit administrativen Dingen verbrachten, als andere Passagiere, so wurde die Zeit irgendwann lang. Raus wolltest Du. Das Bett ist nicht besonders groß, angeschnallt musstest Du auch sein. An Umdrehen war dabei nicht zu denken. Komplett übermüdet bist Du irgendwann eingechlafen und wir mit Dir. Von 14 Stunden direktem Flug haben wir insgesamt etwa an die 6 Stunden die Augen geschllossen. Kein Passagier drumherum hat sich beschwert. Du hast alle angestrahlt, wenig geweint und genügsam die Situation ertragen, wie sie war. Wir waren bei Dir, alles andere schien erstmal nicht bedenkenswert – in den meisten Fällen.

Angekommen in der Wärme fielen wir der Familie in die Arme, ein lang ersehntes Wiedersehen untermalt mit Tränen der Freude. Laut und wuselig wurde es um Dich herum. Unruhe, die Dich nicht entspannen ließ. Nicht mehr als eine Stunde hast Du den Tag über geschlafen und bist buchstäblich umgefallen, als es an den Nachtschlaf ging. 4 Stunden Zeitdifferenz. So lang hast Du durchgehalten, um am Morgen 4:30 Uhr mit glühendem Kopf aufzuwachen. 38,9°! Fieber. Die lange Reise hinterließ Spuren. Auch in der zweiten Nacht hast Du Fieber, schläfst jedoch lang am nächsten Morgen. Holst nach, was Dir gefehlt hat und wir mit Dir. Stück für Stück gewöhnst Du Dich an das neue Umfeld und erkundest die vielen Spielsachen, die hier für Dich gesammelt wurden. Nur die vielen unbekannten Menschen, die darauf warteten, dich endlich kennenzulernen, die freudig strahlend auf Dich zukommen, Dich streicheln und umarmen wollen, die kannst Du noch nicht einordnen. Zu viel ist es Dir oftmals. Du lehnst den Kopf auf meine Schulter, versteckst Dein Gesicht in meinem T-Shirt und verziehst das Gesicht. Es ist ok, nimm Dir Zeit. Gewöhn Dich an alles in Deinem Tempo. Du wirst noch viele Leute treffen, die sich auf Dich freuen. Und sie alle verstehen, dass Du Zeit brauchst. Du bekommst sie, jeden Tag auf’s Neue!

Da sein.

Es sind ganz pragmatische Gründe, die mich nach Chile geführt haben. Ich habe Spanisch im Nebenfach studiert und wollte nach meinem Abschluß unbedingt an meinen Sprachfähigkeiten arbeiten. Ich wollte nicht direkt arbeiten, sondern erst einmal was anderes machen. Ich hatte Angst davor einfach allein zu reisen, also habe ich mich einer Organisation angeschlossen und bin als Freiwillige ins Ausland gegangen. Mein Traum war zu der Zeit im Bereich Streetwork zu arbeiten. Um diesem Traum ein Stück näher zu kommen, wollte ich ähnliche Projekte im Ausland ins Auge fassen und Erfahrungen sammeln. Ich suchte das Land also anhand der Projekte aus. Nur Brasilien kam nicht in Frage, ansonsten reizte mich ganz Lateinamerika. „Wieso nicht Spanien?“ Das Frewilligenprogramm schrieb vor, dass der Deutsche Bund meinen Flug bezahlt. Zur damaligen Zeit waren Flüg nach Spanien mega billig. Einmal einen Flug nach Lateinamerika bezahlen zu können war für mich undenkbar. Also nahm ich die chance wahr und wollte weit weg. Meine Grenze finden wollte ich. Was anderes machen und auf mich gestellt sein. Mich ausprobieren in der Welt.1601_10201013988608578_1864481182_n

Ich habe mir diverse Projekte angeschaut. Anfangs wollte ich nach Mexiko, um mit ehemaligen Bandenkids zu arbeiten. Meine Freunde sahen mich schief an und meinten: „Such von uns aus Deine Grenze, aber geh nicht gleich auf’s Ganze!“ Ich kam ins Zweifeln. Kleinere Schritte also. Ich wollte keine Gastfamilie. Ich hatte bereits 7 Jahre in einer WG gelebt und wollte nicht zurück in einen familiären Haushalt mit anderen Regeln, als ich sie mir vielleicht auferlegen würde. Ich wollte mein Ding machen. Ich wollte Streetworkerin in Lateinamerika sein, in einer WG leben und Spanisch lernen. Nach ein paar Suchanläufen fand ich ein Projekt in Chile. Im Hintergrund stand, dass man bereits eine Ausbildung im sozialen Bereich absolviert haben sollte. Das passte perfekt. Ich bekam finanzielle Unterstützung, um einen eigenen Haushalt zu führen und reiste nach intensiver Vorbereitung am 1. September 2012 aus. Ich flog mit zwei anderen Mitfreiwilligen von Frankfurt aus. Wir lebten alle in der gleichen Stadt, jedoch war uns von Anfang an wichtig, dass jeder sein Leben lebt. Wir wollten spanisch lernen, Anschluß finden und nicht nur unter Deutschen sein. In Valparaiso, unserer neuen Heimat, angekommen, trennten sich unsere Wege. Jeder ging in seine vorab organisierte Wohnung. Uns verband eine Frau, die uns als Mentorin zugeteilt worden war. Mit ihr trafen wir uns im Laufe des Jahres zu viert und tauschten uns aus.

Nun ist es 6 Jahre her, dass ich nach Valparaiso gezogen bin. Während diese damalige Ausreise für mich eine Erfahrung darstellen sollte, ist sie heute für mich Teil meines Lebens. Ich habe Familie dort. Ich habe viele Erinnerungen dort gelassen. Ich habe dort Freunde gefunden und meinen Mann kennengelernt. Ich habe ein Stück meines Herzens in Chile gelassen und kann immer wieder zurück gehen, um es zu füttern.

537223_10200639125237228_1631449014_nMorgen, nach knapp drei Jahren, mache ich mich wieder auf den Weg. Seit Wochen befinde ich mich in einer Wartehaltung. Warten darauf, dass es endlich losgeht. Dass wir voll bepackt in die Tram zum Bahnhof steigen. Dass der Flieger abhebt und wir endgültig nicht mehr spekulieren müssen, wie der Kleine das Fliegen findet. Wir erleben es in dem Moment. Doch wenn ich ehrlich bin, warten wir nur auf eins: Aussteigen, Ankommen, Umarmen, da sein. Einfach da sein. Im Sommer, in Chile, bei der Familie. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, als wir das letzte Mal am Flughafen in den Bus zur Familie stiegen. Diese Fahrt weckte so viele Erinnerungen. Diese Landschaft ließ mich wieder zurück blicken. Drei Jahre, seitdem wir das letzte Mal dort waren. Wir haben viel erlebt in der Zeit: zwei Menschen sind gegangen, einer ist gekommen. Es wurde geheiratet und gefeiert. Wir haben gelacht und geweint. Wir haben viel Zeit zusammen und auch einige Zeit getrennt voneinander verbracht. Es sind neue Freunde hinzu gekommen und alte haben wir ziehen lassen.

Nun, wieder drei Jahre später, wird es anders werden. Wir steigen nicht in den Bus, wir werden abgeholt. Wir reisen nicht zu zweit, sondern zu dritt. Wir bringen mehr mit, haben uns anders vorbereitet. Wir werden reisen. Wir haben viel Zeit im Gepäck, mehr als jemals zuvor. Und doch bleibt eines am Ende gleich: das Gefühl beim Verlassen des Fugzeugs. Da sein. In Chile.

Was ist da los?

Der Sommer ist vorbei und damit auch die Möglichkeit, sich im Park oder am See auf die Wiese zu setzen und das warme Wetter zu genießen. Auch wenn der Boden noch keinen Frost erlebt hat, so ist es doch insbesondere für Babies nicht ratsam, sie lang auf dem Boden liegen oder sitzen zu lassen. Da unser Wurm noch nicht auf zwei Beinen unterwegs ist, sondern kraftvoll über den Boden robbt, fällt ein Besuch im Park außerhalb des Wagens einfach flach. Um jedoch nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu verweilen, befürworte ich die Option, Cafés wahrzunehmen, die auch eine Ecke für die Kids eingeplant haben. Hier muss ich nicht meine Woohnung aufräumen, nachdem 3 Kinder ihre Spuren hinterlassen haben. Ich kümmere mich einfach darum die Spielsachen wieder zu verstauen und lasse meine Tasse jemand anderen abwaschen.

In Potsdam gab es bei uns in der Straße ein Café, welches bezogen auf die Größe des Ladens richtig viel Platz für die Kleinen eingeräumt hat. Das Ergebnis war, dass man insbesondere am Wochenende – vor allem wenn es draußen nass und/oder kalt war – mit mehr Lärm und Trubel im Geschäft rechnen musste. Ein Buch lesen und gemütlich den Kaffee dzu zu trinken war beinah nicht möglich. Unglaublich viele Familien waren anwesend. Kinder jede Alters stolperten durch das Café, spielten in allen Ecken und die Eltern genossen die Zeit dort sehr. Was mir daran nicht so gut gefallen hat, war, dass die Kids oftmals quer durch den Laden krabbelten und die Eltern sie einfach machen ließen. Als Kellner*in benötigte man Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Tablett, denn gleichzeitig der Blick zum Fußboden musste sitzen. Mein Mann hat eine zeitlang dort gearbeitet und ärgerte sich darüber, wenn die Kinder ihm zwischen den Füßen rumkrochen. Ich finde, es ist ein Luxus, wenn ich mein Kind außerhalb meiner eigenen vier Wände ablegen und gleichzeitig einen Kaffee genießen kann. Jedoch bin ich der Meinung, dass ich nach wie vor die Verantwortung trage und nicht einfach alle anderen jonglieren lasse. Seinen Ärger am Abend konnte ich gut nachvollziehen und somit hat er mich sensibilisiert, mehr darauf zu achten.

Ja, das Café war stets gut besucht – nun hat es leider geschlossen. In der Innenstadt Potsdams öffneten innerhalb des letzten Jahres noch zwei weitere Cafés. Sie bezeichneten sich selbst als „Eltern-Kind-Café“. Erst da habe ich diese Art des Konzeptes kennen und schätzen gelernt. Die Kombination aus selbst gebackenen Kuchen, optional dem Angebot zu frühstücken, einen Kaffee zu trinken und meine Kinder im geschützten Raum einer Spielecke beruhigt ablegen zu können, erschien mir als der Himmel auf Erden für alle Eltern. Klar, ohne Kind muss man sich nicht an sowas orientieren. Und während ich nun eindeutig schmerzfrei bin und den kleinen Mann überall ablegen würde, ohne mir da unnötig viele Gedanken zu machen, so finde ich es doch angenehmer, schlängelt er sich nicht zwischen tausend Füßen und Stühlen hindurch. Die beiden „Eltern-Kind-Cafés“ in Potsdam besaßen jeweils eine Spielecke und gern auch die Option, dass die Angestellten, sofern der Betrieb im Laden es zuließ, die Kinderbetreuung übernehmen. Letzteres ist mir nicht einmal wichtig. Aber die räumlich getrennte Spielecke von dem Bereich des regulären Café-Publikums ließ eine Vermischung nicht zu. Somit konnten die Mitarbeiter*innen entspannt den Blick an das Tablett haften und die Eltern ihre Kids machen lassen, sie beobachten oder mit in der Ecke sitzen und spielen. Ganz so, wie es ein jeder brauchte und wollte.

In Leipzig habe ich nun gelernt, wie luxuriös diese Art des Cafés tatsächlich ist. Während ich davon ausging, dass jede größere Stadt soetwas besitzt, wurde ich hier eines Besseren belehrt. Mehrere Male habe ich schon gesucht. Jedes Mal beim googlen bin ich auf ein Angebot gestoßen, habe mich gefreut, versucht mehr zu erfahren und bin am Ende enttäuscht darüber informiert worden, dass sie bereits geschlossen haben. Wie kann es sein, dass eine Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner*innen, einem unglaublichen Zuzug und einer enorm hohen Geburtenrate kein Angebot hat, wo sich Eltern entspannt zum Kaffee treffen können? Ist das Konzept nicht rentabel? Ich kann mir vorstellen, dass Muttis in Elternzeit stundenlang dort sitzen, an einem Kaffee schlürfen und den Platz für weitere Kundschaft und mehr Umsatz nicht frei machen. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Grund ist, warum sich spezielle Cafés für Familien nicht halten. Und doch finde ich es sehr schade. Jedes Mal, wenn ich einen Versuch starte, werde ich gnadenlos enttäuscht. Zuletzt an einem äußerst grauen und windigen Tag: ich wollte mich mit einer Freundin treffen. Sie schlug das Café vor, wir beide recherchierten. Es gab eine Seite bei Facebook. Eine Homepage noch dazu. Nirgends stand, dass es geschlossen wäre. Es sollte sogar Workshop-Angebote für Kids geben. Das klang für meine Freundin besonders spannend, denn sie hatte zwei Kinder und die Große war bereits 3. Als wir an der Adresse ankamen, standen wir vor einem Haus, welches derzeit komplett saniert wurde. Keine Bewohner*innen, kein Café, kein Schild mit einem Hinweis auf „Sorry, wir sind umgezogen/nicht mehr da/einfach verschwunden…“. Nix. Ein harter Schlag. Am Ende landeten wir im Theatercafé und machten den Laden voller Stühle und Menschen zu unserer Spielecke.

Was ist da los liebes Leipzig? Ich habe bisher ein einziges Café gefunden, welches für ein Verweilen mit kleinen Kindern geeignet ist. Jedoch sprechen die Preise gegen einen längeren Aufenthalt oder den Konsum mehrerer Angebote auf der Karte. Schade eigentlich. Und während wir hier in der Stadt echt happy sind, ist das ein großes Makel, welches mir bis heute nicht einleuchten will. Da bleibt nur noch „selber machen“, doch ist meinFrust noch nicht groß genug, als dass ich nun entscheiden würde, stolze Betreiberin eines „Eltern-Kind-Cafés“ zu werden. Lieber flüchte ich in 2 Wochen auf die sommerliche Südhalbkugel und umgehe das Krabbelalter im Herbst und Winter. Wenn wir zurück kommen, ist vielleicht schon ein aufrechter Spaziergang möglich.

der ganz normale Wahnsinn..

Mein Blog nennt sich „Wahnsinnsfamilie“. Warum? Weil ich über den ganz normalen Wahnsinn (m)einer Familie schreibe. Dazu zählen nicht ausschließlich Themen, die unser neuestes Familienmitglied betreffen, sondern auch Themen, die nur mich etwas angehen. So zum Beispiel der Wahnsinn auf den Straßen, der sich tagtäglich zwischen Rad- und Autofahrer*innen abspielt.

Ich bin hauptächlich mit dem Rad unterwegs, da wir bisher kein Auto besitzen. Jedoch weiß ich dadurch, wie entscheidend ein Blick über die Schulter ist. Wie wichtig es ist, nochmal genau hinzusehen, bevor ich abbiege. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Auto hinter Dir drängelt, weil Du einfach nicht schnell genug bist. Ich weiß, dass manche Menschen nervös werden und lieber auf dem Fußweg fahren, wodurch der Wahnsinns-Kreislauf um eine Instanz erweitert werden kann: Füßgänger*innen. Ich weiß auch, wie nervig es sein kann, wenn ein Rad vor Dir schleicht oder einfach so um die Ecke geschossen kommt, ohne nach Dir Ausschau zu halten. All dieses Wissen, welches mich im Straßenverkehr bewegt, lässt mich nach wie vor erstaunen, was letzte Woche eigentlich im Kopf der Autofahrerin hinter mir vor sich ging.

Ich war mit dem Rad in einer Nebenstraße unterwegs. Ich bin rechts gefahren. Ich bin nicht sonderlich gerast, aber war ausreichend schnell, sodass man als

Autofahrer*in durchaus entspannt eine Weile hinter mir bleiben konnte. Ich habe gemerkt, dass ein Auto hinter mir ist, habe mich aber nicht bedrängt gefühlt. Die Straße ist so konstruiert, dass sie an einer Stelle enger wird. Dabei handelt es sich nur um einen minimalen Abschnitt der Straße. Kurz vor diesem Abschnitt habe ich das Auto hinter mir wahrgenommen. Während es nun gemütlich hinter mir her fuhr, solange die Straße ein Überholen möglich machte, schoss es genau dann sehr nah an mir vorbei, als wir zur „Engstelle“ kamen. Ich konnte es nicht fassen. Ich war kurzzeitig geschockt, denn der Abstand zwischen dem Wagen und mir war marginal. Ich empfand dieses Verhalten als eine Frechheit und fragte mich, was für ein ignoranter Typ das wohl war, der so rücksichtslos am engsten Punkt überholte. Als ich mich gefangen hatte, trat ich in die Pedale und nahm mir vor, den Wagen einzuholen und den Fahrer zur Rede zu stellen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich tatsächlich davon ausgegangen, dass es sich um einen männlichen Fahrer handeln muss.

Wie das Auto so an der nächsten Kreuzung warten musste, gab ich ordentlich Gas und wollte mich daneben stellen. Als ich fast auf gleicher Höhe war, bog es ab und musste an einer roten Amel die Fußgänger*innen passieren lassen. Das war meine Chance: Ich klopfte an die Scheibe der Fahrerseite. Es blickte mich ein gelangweiltes und genervtes Gesicht einer Frau an. Sie weigerte sich vehement, die Fensterscheibe runter zu lassen. Sie versuchte mich zu ignorieren, doch ich blieb hartnäckig stehen. Ich klopfte erneut an die Scheibe und machte ihr durch eine kurbelnde Handbewegung deutlich, dass sie sich gefälligst mit mir auseinanderzusetzen hat. Sie verdrehte die Augen, leierte die Scheibe nach unten und hörte mir nicht einmal zu. Sie schnitt mir jedes Wort ab. Mein Versuch, ihr klar zu machen, dass sie eindeutig zu nah an mir vorbei gefahren sei und ich mich erschrocken habe, prallte an ihr ab. Ich wollte sie fragen, was sie sich dabei gedacht hat. Ich wollte ihr klar machen, dass sie nicht allein auf dieser Straße ist und noch 3 Sekunden hätte warten können, um an einer breiteren Stelle zu überholen. Dazu kam ich nicht. Ich sprach wie ein Wasserfall, während sie mich grimmig ansah und gleichzeit nur folgenden Satz zweimal wiederholte: „Auch Radfahrer sind Teilnehmer im Straßenverkehr!“. Dann schaltete die Ampel auf grün und sie verschwand im Straßenverkehr. Ich stand wie angewurzelt mitten auf der Fahrbahn und wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Kopfschttelnde schwang ich mich auf mein Rad. Innerlich kochte ich. Mir stieg das Blut in den Kopf, aber es gab keinen Pol, um mich abzureagieren. Mehr als ein wiederholtes, sprachloses „Pff!“ konnte ich nicht von mir geben. Was wollte sie mir damit sagen? An welcher Stelle habe ich mich falsch verhalten? Was gibt ihr das Recht, mich als Verkehrsteilnehmerin beinah von der Straße zu drängen? Ja, ich bin berechtigterweise auf den Straßen unterwegs. Und ich habe mich regelkonform verhalten. Ich bin keine der Radfahrer*innen, die eine rote Ampel ignoriert, nur weil sie auf zwei Rädern unterwegs ist. Ich stehe in der Schlange an der Ampel nicht zwingend ganz vorn, nur weil ich der Meinung bin, ich kann mich durchzwängen, denn ich bin ja schmal. Ich achte auf Verkehrszeichen und ich warte lieber einmal länger, als dass ich unüberlegt drauf los fahre. Und sie schaut mir tief in die Augen und macht mir Vorwürfe. Weswegen? Ich habe tatsächlich keine Ahnung. Eine Woche ist vergangen und ich weiß nicht, was ich in ihren Augen falsch gemacht habe. Und das ärgert mich. Wie wäre ihre Version der Geschichte? Ist sie auch nach Hause gefahren und hat ihrem Mann erzählt, dass sie eine ignorante Radfahrerin vor sich im Straßenverkehr hatte? Würde ihr Mann nicken und sagen: „Gut, dass Du sie an einer so schmalen Stelle überholt hast!“

Es ist Wahnsinn, was wir uns täglich antun müssen. Wir Autofahrer*innen, die ihre Augen überall haben müssen, weil Verkehrsteilnehmer*innen auf zwei Rädern einfach so auftauchen und über rote Ampeln fahren, weil sie glauben, sie haben das Recht dazu.

Es ist Wahnsinn, was wir Radfahrer*innen immer wieder erleben, während wir ohne faradayschen Käfig schutzlos den Abgasen und Launen der Autofahrer*innen ausgesetzt sind.

Es ist Wahnsinn, was wir Fußgänger*innen ertragen müssen, während sich Radfahrer*innen auf unseren Wegen durchschlängeln, um rote Ampeln zu umgehen oder drängelnden Autos auszuweichen.

Es ist Wahnsinn, dass wir alle glauben, wir wären im Recht. Macht die Augen auf. Nehmt Rücksicht und seid wachsam. Für jeden einzelnen von uns, der draußen unterwegs ist.

What to do and where to go

Gestern hat uns mein Schwiegervater eine Nachricht geschickt und gesagt: „Wir sehen uns nächsten Monat!“ Da kam ich kurz ins Stocken. Nächsten Monat verreisen wir schon!! Ganz bald geht’s los. Ok ok, jetzt ist Anfang Oktober und wir starten Ende November, aber es liegt definitiv kein Monat mehr zwischen jetzt und unserem Abflug. Nächsten Monat geht’s los. Das musste ich mir noch eine Weile durch den Kopf gehen lassen und habe es bis jetzt noch nicht realisiert. Ich finde es immer wieder unglaublich, wie schnell dieses Jahr bisher vergangen ist. Im März haben wir angefangen diesen Trip zu planen. Seitdem freut sich die ganze chilenische Familie, dass wir kommen. Und nun fehlt nicht mehr viel und wir werden dort sein. Auf der anderen Seite des Atlantiks. Am Pazifik. Im Sommer. Uns bleiben also noch 8 Wochen, um Strumpfhosen und feste Schuhe anzuziehen. 8 Wochen, in denen wir das Gefühl bekommen, dass hier kein Sommer mehr ist. Ich genieße den Herbst im Moment sehr und merke, wie ich es brauche Tee zu kochen, zu stricken und mit der Decke auf dem Sofa eingekuschelt zu sitzen. Ich könnte jetzt nicht gleich mit dem Sommer fortfahren. Diese Pause tut mir gerade richtig gut. Und bevor es zu eklig und kalt wird, packen wir unsere Rucksäcke mit Badesachen und Sandalen und fliegen in unseren zweiten Hochsommer.

In einem vorherigen Beitrag habe ich bereits davon gesprochen, wie wir uns Stück für Stück auf diese Zeit vorbereiten und was uns dabei wichtig ist zu beachten. Jetzt ist wieder etwas mehr Zeit vergangen und die Pläne nehmen Form an. In allererster Linie hilft mir in so vielen Situationen eine gute Übersicht. Immer wieder fallen uns beiden Dinge ein, die wir bis dahin noch machen müssen. Dinge, die wir nicht vergessen dürfen. Kleinigkeiten, die wir auf dem Schirm behalten müssen, um gut vorbereitet und mit ruhigem Gewissen abreisen zu können. Um den Überblick nicht zu verlieren, fertigen wir in solchen Situationen To-Do-Listen an. Letzte Woche kamen wir auf diese Idee. Jedoch waren wir zu faul, um uns vom Sofa zu erheben. Demnach wollten wir es auf’s Wochenende verschieben. Realistisch betrachtet war uns jedoch klar, dass wir dieses Vorhaben bis dahin wieder vergessen würden. Aufgrund einiger schlafloser Nächte in letzter Zeit ist unsere Aufmerksamkeitsspanne eindeutig verkürzt. Bevor wir also eine To-Do-Liste schreiben, auf der einzig und allein steht, dass wir am Wochenende eine To-Do-Liste schreiben müssen, fassten wir kurzerhand wichtige Stichpunkte auf Papier zusammen und klebten diesen Zettel an den Wandkalender. So ein Vorgehen ermöglicht uns stückweises Abarbeiten und Abstreichen bereits erledigter Punkte. Ebenso können über die Zeit hinweg noch weitere Aufgaben hinzukommen. Für uns hat sich diese Methode bewehrt: wir haben unsere Hochzeitsplanung genauso in Angriff genommen und auch die letzten Schritte vor dem Umzug auf diese Art und Weise getacktet. In beiden Fällen ist uns nichts durch die Lappen gegangen, demnach werden wir wohl immer wieder darauf zurückgreifen!

Wie ich nun also in der Küche stehe und mein Blick auf den Wandkalender gehaftet ist, rutsche ich weg von der To-Do-Liste und überfliege die kommenden 8 Wochen, die bis zum Abflug an uns vorbeirauschen. Während der Oktober nur leicht gefüllt ist mit ein zwei Terminen hier und da, reiht sich im November ein Eintrag an den anderen:

Unbenannt 3

„Alles nichts Weltbewegendes“, sagt Ihr! „Besuch hier, Babyschwimmen da. Mal ein Markt, noch schnell zum Arzt und ab ins Flugzeug!“ Ihr habt ja Recht. Und doch sollte nichts davon hinten runter rutschen. Denn nebenbei ist es wichtig für ausreichend Produkte zu sorgen, die im online-Shop der Firma meines Mannes während unserer Abwesenheit verkauft werden können. Bis Weihnachten ist schließlich nicht mehr viel Zeit. Sonst ist er mit „Wild Pudu“ regelmäßig auf Märkten vertreten und nutzt folglich die hohe Kaufkraft der Menschen. In diesem Jahr ist er gezwungen, sich auf das digitale Zeitalter und die Lust der Bevölkerung, Geschenke online zu ordern, zu verlassen. Mit Hilfe eines Freundes werden diese zum Käufer geschickt. Und obwohl ihm das etwas mehr Stress bereitet, so nimmt er diesen Preis gern in Kauf. Denn die Aussicht auf einen Sommer in Chile und viel Zeit mit seiner Familie, rechtfertigt alle Abwesenheit.

Sobald wir also unsere Freundin wieder verabschiedet, Babyschwimmen abgeschlossen und den (einzigen) Weihnachtsbasar hinter uns gebracht haben, steigen wir in den Zug zum Flughafen und starten am 27.11.18 die große Reise: zweieinhalb Monate mit Baby in Chile.

Während wir in Santiago de Chile am 28.11.18 aus dem Flugzeug steigen und umgehend unsere Trekkingschuhe und Fließjacken gegen Sandalen und T-Shirts eintauschen, warten die Großeltern wie auf heißen Kohlen hinter der Absperrung. „Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann ich mir nicht vorstellen!“, sagte der Opa. Bereits jetzt sind die ersten 5 Wochen im Land ordentlich durchgetacktet. Opas Geburtstag hier, Tante Vales Geburtstag da. Einmal Feuerland und zurück. Theos erster Geburtstag, im Anschluss sofort Weihnachten und eine Hochzeit obendrauf, bis wir an Silvester das Jahr sonnig ausklingen lassen:

Dezember 2018

Mit dem Auto der Eltern möchten wir direkt in der ersten Woche nach unserer Ankunft in Rüchtung Süden fahren. Von Rengo aus startend kommen wir ein paar Stops später in Puerto Montt an und fliegen von dort aus nach Punta Arenas. Bereits Puerto Montt kennzeichnet den Beginn der chilenischen Seite Patagoniens, Punta Arenas als südlichste Stadt des Landes stellt quasi dessen Ende dar. Letztens lasen wir in einem Artikel, dass Punta Arenas genau genommen die Mitte des Landes darstellt. Weit bis in die Antarktis hinein reicht chilenisches Territorium, eine Reise dorthin ist jedoch eher schwierig.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEinigen von Euch ist die Region Punta Arenas sicherlich eher bekannt durch den Nationalpark „Torres del Paine“. Ich war im Jahr 2013 dort, als ich in Chile lebte. Heute hat sich dessen Besuch deutlich verändert. Man muss sich vorher anmelden, sozusagen seinen Aufenthalt reservieren. Und für den Fall, dass bereits zu viele Leute angemeldet sind, kommt man nicht rein. Ein solcher Hype wird um die zwei „Torres“ (dts.: Türme) gemacht, sodass ich mir vorstellen kann, dass man heute weniger gemütlich dort wandern gehen kann, als ich es damals erlebt habe. Mein Mann ist sehr daran interessiert dort auch mal zu sein. Die Landschaft ist beeindruckend, keine Frage. Jedoch ist Theo eindeutig zu klein, um diese Tour dieses Jahr anzugehen. Das heben wir uns also für später auf.

Vom Flughafen Punta Arenas aus mieten wir uns also ein Auto und fahren etwa 8 Stunden bis nach Ushuaia, die argentinische Seite Feuerlands. Mit dem Blick auf Pinguine gerichtet möchten wir dort insbesondere eher in einer einfachen Unterkunft unsere Zeit verbringen und die Natur auf uns wirken lassen. Der Gedanke, mehrere 100 EUR zu bezahlen, um zwischen Pinguinen auf deren Inselplatz spazieren zu gehen, widerstrebt uns vollkommen. Das Karte 1Geschäft mit den Attraktionen geht über den Rücken der pinguine hinweg, die sich sicherlich nicht immer darüber freuen, so viele Touren ertragen zu müssen. Nicht umsonst siedeln sie sich an Orten an, die eher zurückgezogen und kalt sind. Zurück in Punta Arenas nutzen wir ein paar Tage, um am „Cruz de Froward“, dem Ende des amerikanischen Kontinents, zu wandern oder auf den Spuren der ersten spanischen Siedler, die im Puerto del Hambre (dts.: Hafen des Hungers) aufgrund der kargen Vegetation jämmerlich verhungerten, zu reisen. Alles in allem haben wir ein Grundgerüst an Attraktionen geschaffen und die Unterkünfte gebucht. Was sich am Ende aus all dem entwickelt bleibt jedoch offen. Mit Blick auf das jüngste Mitglied unserer Familie kann ich sagen, dass er äußerst robust ist, sich an all unseren Aktivitäten erfreut und  viel mitmacht. Es ist jedoch schwierig zu prognostizieren, was in zwei Monaten ist. Vielleicht setzt ihm der Flug oder Klimawechsel. Vielleicht überfordern ihn die vielen vermeintlich fremden Menschen, die andere Sprache oder das Reisen an sich. Dann heißt es einen Gang zurück zu schrauben und den Plan abzuändern. Aber auch darauf sind wir vorbereitet und freuen uns auf das, was kommt.

Just change it

Heutzutage ist der Gebrauch von Plastik zunehmend ein ernstes Thema. Angefangen mit den Unmengen an Verpackungsmüll im Supermarkt, über Strohhalme bis hin zu etlichen Einwegartikeln, die unbedacht gekauft und schnell nach ein paar Mal gebrauchen ersetzt werden. Keinerlei Wert steckt mehr hinter den Dingen, die unseren Alltag begleiten. Wir leben im Überfluss und nehmen die Massen an Produkten ganz selbstverständlich hin, ohne si ezu hinterfragen. Uns fällt nicht mal auf, wenn etwas fehlt.

Nehmen wir einmal diesen super heißen Sommer als Beispiel: die Bauern hatten Sorge, da es einfach viel zu trocken war. Viele Lebensmittel sind eingegangen, da nicht genügend Wasser zur Verfügung stand. Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Strauch Brombeeren hir in der Nähe unserer Wohnung: die Früchte hatten so eine tolle, dunkle Farbe, waren jedoch klitzeklein. Sofern nun der Bauer Brombeeren anbaut und für seinen Lebensunterhalt an Märkte verkauft, hat er in diesem Jahr womöglich mächtig Probleme gehabt. Unmengen an Wasser mussten rangeschafft werden, um die Ernte zu gewährleisten. Zieht er dann die Kosten für den Verbrauch des Wassers vom Gewinn ab, so bleibt nicht mehr viel übrig. Es war so heiß dieses Jahr, dass zB. hier in Leipzig Bürger*innen gebeten wurden , die Bäume in ihrem Umfed zu gießen. So prekär wurde die Lage eingeschätzt. Und was konnte man in den Supermärkten feststellen? Manche saisonale und eigentlich regionale Produkte kamen von weiter her, da es nicht ausreichend Ware aus Deutschland gab. Doch wen stört das? Eigentlich niemanden. Unsere vernetzte Welt brngt mit sich, dass wir immer alles haben oder besorgen können. So gibt es Tomaten im Dezember, egal ob sie schmecken oder nicht. Auf Instagram posten Erwachsene im März Bilder von der Brotbüchse ihrer Kinder, randvoll mit Erdbeeren. „Wir legen Wert auf gesunde Ernährung!“, steht stolz unten drunter. Ist das gesund? Erdbeeren, die weder rot sind, noch nach Erdbeeren schmecken? Welches Verständnis haben wir heutzutage von gesunder Ernährung?

Ich bin mittlerweile an einem Punkt angekommen, an dem ich das nicht mehr nachvollziehen kann. Wie konnte es soweit kommen, dass wir so wenig Wert auf saisonales und regionales Obst und Gemüse legen? Wir sind doch nun wirklich keine Nachkriegsgeneration mehr, die sich darüber freut, endlich keine Gräupchensuppe mehr essen zu müssen. Sitzt diese Zeit noch so tief in den Gliedern unserer Vorfahren, dass wir als Nachfolgende verlernt haben, es anders zu machen? Ich denke es ist an der Zeit umzudenken. Es ist an der Zeit dem früheren Trott entgegen zu treten und einen anderen Weg einzuschlagen.

Als ich 2012 nach Chile gegangen bin, habe ich zum ersten Mal in meinem Leben Bekanntschaft mit saisonaler Küche gemacht. Ich war damals bereits Mitte zwanzig. Ich habe die ganze Zeit zuvor niemals darüber nachgedacht, dass es für jedes Obst und Gemüse eine bestimmte Erntezeit gibt. Für mich war es selbstverständlich, dass es immer Tomaten gab. Dass ich im Frühjahr Erdbeeren kaufen kann und dass alles in Plastik eingeschweißt ist. Wenn ich mir dies heute durch den Kopf gehen lasse, ist mir das sehr unangenehm und unbegreiflich noch dazu. Ich habe kopflos konsumiert, egal was. Ich war oft shoppen, habe immer gegessen worauf ich eben gerade Lust hatte und kaufte im Überfluss. Erst durch die Erfahrung, dass ich in Chile im Mai auf und nieder springen konnte, es trotzdem keinen Mais gab, hat sich für mich etwas verändert. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie Lebensmittel schmecken können. Eins ist klar: während deutsche Tomaten auch im August nicht mit den chilenischen vergleichbar sind, weiß ich jedoch, dass ich im Dezember einfach nur mein Geld zum Fenster rauswerfe, kaufe ich Tomaten. Der Geschmack ist dermaßen weit weg von dem einer sonnengereiften Tomate, dass es einem Verbrechen gleicht, diese so zu nennen. Und doch werden 365 Tage im Jahr Tomaten angeboten und gekauft. Wieso haben wir Deutschen so wenig Interesse daran, wie die Dinge schmecken, die wir kaufen? Ist es wirklich wichtiger für uns, überhaupt konsumieren zu können, sodass wir das immer und überall ausleben müssen? Ich habe auf all diese Fragen kaum Antworten, freue mich jedoch, dass es mehr und mehr Menschen meiner Generation gibt, die etwas bewusster leben und dieses Denken an ihre Kinder weitergeben möchten.

Weiterhin habe ich nach meinem Aufenthalt im Ausland angefangen, Dinge selbst zu machen. So zum Beispiel stelle ich seit 2 Jahren unsere Zahnpasta er. Was unsere Zahnärztin dazu sagt? „Kann ich das Rezept bekommen?“, war die letzte Aussage von ihr, kurz bevor wir die Praxis dieses Jahr verließen. Für mich war diese Umstellung auf unsere Zahnpflege anfangs gewöhnungsbedürftig. Die Industrie mischt ätherische Öle für vermeintlich frischen Atem in die Zahnpasta rein, sodass ich mich erst einmal daran gewöhnen musste, nicht den gleichen Effekt zu erzielen. Und doch ist mit Hilfe von Pfefferminzöl ein ähnliches Ergebnis möglich. Als erstes haben wir eine Zahnpasta aus Kurkuma benutzt. Dabei ist mir klar geworden, dass ich eine sehr sprizige Putzerin bin und mich im Anschluss an die Zahnhygiene stets umziehen musste. Hinzu kommt, dass Kurkuma ein ziemlich aggressives Gewürz ist, welches fiese Flecken hinterlässt. Jetzt greifen wir ausschließlich auf Natron und Kokosöl zurück und sind damit sehr zufrieden. Mein Mann hat seit Jahren das erste Mal keine Karies mehr und mein Zahnfleisch bildet sich nicht weiter zurück. Und da unsere Zahnärztin ebenso überzeugt ist, bleiben wir dabei. Unklar ist für uns nur noch, was wir mit Theo machen. Noch lassen seine ersten Zähnchen auf sich warten, aber irgendwann wird er Zahnpasta benutzen müssen und da stellt sich die Frage, ob wir ihm dann welche kaufen sollten, obwohl wir doch bewusst darauf verzichten…

Den gleichen Ansatz verfolgen wir mit dem Weglassen herkömmlicher Shampoos. Wir waschen die Haare nur noch mit Natron, Apfelessig und Wasser. Insbesondere zu Beginn war es erstaunlich mit anzusehen, wie sich das Haar verändert. Die Jahre der Pflege mit industriellen Produkten haben ihre Spuren hinterlassen und während wir noch im Übergangsprozess sind, benutzen wir bei unserem Sohn nun bewusst kein Shampoo. Wozu bei ihm damit anfangen, wenn wir ihm hier von Anfang an zeigen können, dass es ohne ebenso geht?

Es gibt so viele Bereiche im täglichen Leben, in denen man eine Veränderung einfach bewirken kann. Für mich ist dabei immer wichtig, dass ich es einfach umsetzen kann. Was habe ich davon, wenn ich mich anstrengen muss, um etwas anders zu machen? Die Wahrscheinlichkeit, dass ich dabei bleibe, ist doch höher, sofern ich es einfach übernehmen kann. Manche Dinge sind wirklich einfach in den Alltag integrierbar und erzielen damit den Effekt, den ich mir wünsche: sie werden Alltag! Heute habe ich zum ersten Mal eigene Küchenschwämme genäht. Wir haben so viele alte Handtücher, die im Schrank rumliegen und niemals genutzt werden. Nun habe ich sie verarbeitet und bin gespannt, ob wir folglich die Einwegschwämme von der Einkaufsliste streichen können. Auch haben wir nun doch noch auf Stoffwindeln umgestellt und ich freue mich, über jede einzelne, die ich davon benutze. Denn somit verbrauche ich eine Wegwerfwindel weniger. Bisher greife ich noch nachts und zu den Mahlzeiten auf die industriellen Produkte zurück, da ich somit sicher sein kann, dass sie nicht auslaufen. Aber ich kann mir vorstellen, dass sich das mit der Zeit auch ändern könnte.

Jeder von uns hat ausreichend Kapazitäten in seinem Alltag, um etwas anders zu machen. Die einen mehr, die anderen weniger. Und wie ich mich so Stück für Stück vorantaste auf neuen Wegen, wünsche ich Dir, dass Du es ebenso versuchst. Gern tausche ich mich mit Dir aus und bin gespannt, welche Bereiche bei Dir bereits eine Reformation erfahren haben.