Fliegen ist nicht gleich fliegen!

Es gibt verschiedene Wege, die uns nach Chile führen. Nagut, nicht gleich Wege, aber Anbieter. Ich bin bisher ein paar Mal mit TAM geflogen, meistens aber mit KLM und Air France. Beide Fluggesellschaften gehören zur gleichen Gruppe, man könnte also meinen, dass der Service identisch ist. Dem ist aber nicht so. Bei unserer letzten Reise ist dies ganz besonders deutlich geworden. Wir haben den Hinflug mit Zwischenstopp in Paris mit Air France bestritten, den Rückflug nach einer Tankladung in Buenos Aires und Zwischenstopp in Amsterdam Dank KLM gemeistert. Ich dachte ich gebe Euch mal einen Überblick über die einzelnen Details, die uns beim Fliegen mit Kleinkind aufgefallen sind und demnach für Eure Planung von Bedeutung sein könnten.

Vorab wussten wir, dass man für Babies ein Bett reservieren kann. Wir haben also ganz normal unsere beiden Sitzplätze gekauft und im Anschluss bei der Fluggesellschaft „Air France“ angerufen, um mitzuteilen, dass wir mit einem Baby reisen und ein Bett benötigen. Man ließ uns glaube ich etwa 40 Euro bezahlen und somit sollte alles geregelt sein. Es gibt ein paar Plätze im Flugzeug, an denen kann man an bestimmte Halterungen an der Wand Betten anbringen. Dies gilt für Kinder, die maximal 10kg wiegen und nicht größer als 70cm sind. Auf unserer Hinreise trafen diese beiden Kriterien auf Theo zu. Für die Rückreise hofften wir, dass es ebenso klappen könnte. Aber dazu später mehr. Wir saßen beim ersten Flug in der ersten Reihe hinter der Business Class, bekamen nach dem Start ein Bett in die Halterung der Wand montiert und zugesichert, dass uns jemand ein Abendessen für unser Kind bringt. Zusätzlich zur Angabe des Reisens mit einem Baby wird außerdem in der Reservierung vermerkt, dass man Verpflegung für das Kind bekommt. Da wir in Paris 23:50 Uhr starteten bekamen wir ein spätes Abendessen, um uns an chilenische Zeiten zu gewöhnen. Das Abendessen für Theo ließ jedoch auf sich warten. Man hatte uns schlichtweg vergessen und somit teilten wir unser Abendessen durch drei und versorgten den kleinen Mann zusätzlich mit Brot, welches wir dabei hatten. Versteht mich bitte nicht falsch, ich reise niemals ohne ausreichende Verpflegung für den kleinen Mann. Beziehungsweise sorge ich für jegliche Eventualitäten. Jedoch ging ich davon aus, dass ich bekomme, wofür ich bezahle. Dies war an dieser Stelle nicht der Fall. In dem Bett selbst hat er etwa 4 Stunden am Stück geschlafen, anschließend lediglich mal eine Stunde hier, mal 30 min da in unserem Arm gelegen und geruht. Die 14 Stunden wurden folglich sehr lang für uns, und wir waren sehr müde, als wir ankamen. Mit Blick auf diesen Umstand, hat Theo wirklich kein großes Theater gemacht. Da kann ich mich wirklich nicht beschweren. Er hat uns in Beschlag genommen, jedoch nicht zwingend andere Fluggäste gestört. Ich kann mir auch vorstellen, dass das Bett wirklich unbequem war. Es war etwas kleiner als er und er musste angeschnallt werden, sobald er drin lag. Hinzu kommt, dass man die Kids rausnehmen muss, sobald das Flugzeug Turbulenzen durchfliegt. Dann nimmt man sie auf den Schoß und schnallt sie mit dem extra für Kinder gebrachten Gurt am eigenen Gurt fest. Zum Glück kam dies nicht allzu oft vor und doch schlief er sehr unruhig, konnte sich nicht drehen und hat gemeckert. Wir hatten einfach keine gute Phase erwischt. Die Nächte waren auch bei uns zu Hause sehr unruhig. Was da ab und an half, war Stillen. Vorab wusste ich, dass man die Kids insbesondere bei Start und Landung stillen soll. Schlucken sollten sie, damit der Druck auf den Ohren vergeht. Ich hatte Sorge, dass er wirklich damit zu kämpfen hat. Und er hat mich wieder einmal überrascht: Er hat nicht einmal gezuckt wenn das Flugzeug startete oder landete.

Als bereits erprobte Langstreckenfliegerin weiß ich, dass das Flugpersonal nachts nicht mehr durch die Gänge geht, Essen anbietet oder Mitbringsel verkauft. Es gibt jedoch diverse Stationen in den Flugzeugen, an denen man Getränke und Snacks bekommen kann. So kann man sich im Falle eines kleinen Hungers gut versorgen. Während das Frühstück folglich lange auf sich warten ließ, aßen alle Passagiere jegliche Snacks restlos auf und trotzdem knurrten die Bäuche. Anhand des verputzten Stocks an Kleinigkeiten wusste ich, dass es anderen ähnlich ging wie uns. Alle waren hungrig, lenkten sich mit Filmen ab oder versuchten, den Schlaf zu verlängern. Lange wurde die Mahlzeit zubereitet, es roch köstlich nach Kaffee und wir saßen in der ersten Reihe nicht unbedingt an der Stelle, an der man als erstes bedient wird. Wir waren wirklich hungrig, als die Stewardess irgendwann zu uns kam und unser Frühstück brachte. Mit Blick auf Theo erinnerte sie sich, dass wir ja zu dritt reisten und zauberte ein Kinder-Menü hervor. Das hätte es wohl am Abend zuvor geben können, denn so richtig nach Frühstück sah das nicht aus. Ein Tablett eingschweißt in Plastikfolie, darunter befand sich ein Gläschen Brei des Geschmacks Möhre, Fleisch und Reis. Dazu gab es einen weißen Joghurt, gesüßt mit Zucker. Ein weiterer Becher war Apfelmus, extra nachgesüßt. Dann gab es ein trockenes Brötchen, für das wir Theo sehr begeistern konnten und ein Päckchen mit Keksen. Kekse derart, die man zur Zubereitung von Tiramisu verwendet: mit einer dicken Schicht Zucker drauf! Alles in allem eine echte Enttäuschung. Oder ein Einblick in den Ernährungsplan von Kindern in Frankreich? Ich weiß es nicht. Ich verschenkte folglich mein Brötchen mit Butter an meinen Sohn und aß einen gesüßten Joghurt mit gesüßtem Apfelmus und gezuckerten Keksen zum Frühstück. Wenigsten blieb mir mein Kaffee. Guten Appetit.

Der Rückflug präsentierte sich von einer etwas anderen Seite. Ich hatte bereits vorab erfahren, dass man bei „KLM“ kein Babybett buchen kann. Man muss sich vorab am Flughafen melden und erfragen, ob es eins gibt. Das war mir jedoch alles etwas zu heikel, also versuchte ich ein paar Tage vor Abreise, ob ich nicht etwas in Erfahrung bringen konnte. Ich fand eine Telefonnummer, die mich zu einem WhatsApp-Chat führte und bekam innerhalb weniger Stunden die Antwort, dass unser Kind älter als ein Jahr ist und damit keinen Anspruch auf ein Babybett hätte. Hinzu schickte man mir einen Link zur Internetseite, auf der ich alles bezüglich Verpflegung der Babies im Flugzeug nachlesen konnte. Dies hatte ich bereits getan, wollte jedoch gern etwas genauere Infos direkt bezogen auf unsere Buchung bekommen, denn im Internet stand, dass wir Babynahrung bekämen. „Stimmt“, antwortete mir der oder die Unbekannte auf diesen Hinweis und wir verblieben folglich im Nichts. Die Bewertung der Beratung habe ich mir schlussendlich gespart, denn befriedigend war das nicht. Aber was hatte ich auch erwartet, wenn ich eine Nachricht per WhatsApp verschicke? Ich hatte einfach keine Lust darauf in der Warteschleifen-Hotline der Airline zu versauern und teuer zu bezahlen. Chat-Beratungen sind in dem Fall kostenlos, erfahren habe ich allerdings nichts dabei. Die Webseite weist darauf hin, dass Kinder ab 2 Jahren ein spezielles Kids-Menü erhalten können. Dies besteht aus einem Mini-Burger und Pommes Frites. Großartig. Dann doch bitte lieber Pasta mit Tomatensoße. Aber da Theo nocht nicht zwei Jahre alt war, stand dies für uns eh nicht zur Debatte. Wir bereiteten uns also speziell darauf vor, dass wir für ihn nichts zu Essen bekämen und reisten folglich mit einem Gläschen selbst gekochtem Mittagessen für den ersten Tag, 3 Bananen, 2 Brötchen, Obstpüree, Hafermilch und Haferflocken. Wir wollten auf jede Eventualität vorbereitet sein, denn ich konnte zu dem Zeitpunkt auch nicht mehr Stillen. Deshalb mussten wir für Start und Landung ein Fläschchen vorbereiten können, welches ihm über das Druckgefühl hinweghalf. Eine sehr heikle Angelegenheit, denn irgendwann ist so eine Flasche leer, das Flugzeug jedoch noch nicht auf höchster Position angekommen. Aber was blieb uns anderes übrig. Gut am Reisen mit Kindern ist, dass man die Grenze des Mitführens von maximal zehnmal 100ml Flüssigkeiten komplett umgehen kann. Wir führten einen halben Liter Hafermilch mit und eine Termoskanne mit Wasser. Keine an der Kontrolle hat das interessiert. Sie ließen uns problemlos passieren. Das haben alle Flughäfen gemeinsam, egal ob wir innerhalb Chiles reisten oder interkontinental eincheckten.

Zurück zur Erfahrung auf dem Rückflug: Wie wir also wieder einmal als erste das KLM-Flugzeug bestiegen, wurden wir direkt freundlich von einer Stewardess begrüßt und beschenkt. Man brachte uns ein Lätzchen für Theo und ließ uns entscheiden, ob wir lieber einen Mittagsbrei (Pute mit Möhre und Reis) oder Apfelmus haben möchten. Beide Gläschen waren groß beschriftet mit „ohne Zucker und Konservierungsstoffe“. Ein Mittagsbrei sollte es werden, denn am folgenden Tag fehlte uns selbiges für ihn. Mein Mann fragte die Stewardess gleich, ob wir so ein Bett bekommen würden, sobald wir gestartet sind. Uns wurde dies ja per WhatsApp-Nachricht verwehrt, aber er dachte, er verucht es trotzdem. Sie nickte ganz freundlich und meinte, das wäre überhaupt kein Problem. Sie fragte uns, wie schwer Theo wäre und mit dem Hinweis, dass er 10kg wiegt, wies sie uns darauf hin, dass dies die Obergrenze wäre und gab uns das Bett. Es war größer als das auf der Hinreise und Theo schlief ganz wunderbar darin. Ja, er konnte sich trotzdem nicht drehen und wurde festgeschnallt und entnommen bei Turbulenzen. Aber alles in allem war es viel besser als beim ersten Mal. Aber auch an dieser Stelle gilt, dass wir eine bessere Phase mit ihm durchlebten, als beim ersten Flug. Er schlief ungefährt 8 Stunden, nicht ohne Unterbrechung, aber beinah am Stück, einen Teil davon auf meinem Arm. Er bekam nicht bei jeder Ladung oder jedem Start eine Flasche und er beschwerte sich auch nicht wegen dem Gefühl im Ohr. Es schien ihm nichts auszumachen. Wir schlossen diese lange Flugreise vergleichsweise ausgeruht ab, fühlten uns entspannter, da wir gut geschlafen hatten und konnten uns gut darauf konzentrieren, den letzten Abschnitt per Zug zurück zu legen. Während er bei Ankunft in Chile etwa 3 Tage brauchte, um nicht mehr quengelig zu sein, war er nach der Rückkehr schnell wieder der Alte.

Was kann ich nun als zusammenfassend sagen?

  • Ich war überzeugter und zufriedener auf der Reise mit KLM, möchte dies jedoch nicht verallgemeinern. Es hängt auch viel vom Status des Kindes selbst ab.
  • Ich kann nur jedem dazu raten lieber mit mehr Verpflegung zu reisen, als zu wenig. Nehmt außerdem lieber mehr Windeln mit, als zu wenig. Unsere Kalkulation reichte auf der Hinreise gerade so bis zum Entgegennehmen der Koffer. Wir hatten alle Windeln restlos aufgebraucht, die wir im Handgepäck hatten.
  • Traut Euch eine lange Reise mit Eurem Kind zu machen. Ihr werdet viele andere Familien treffen, die den gleichen Weg bestreiten, könnt Euch austauschen, kennenlernen und die Kinder miteinander in Kontakt kommen lassen.
  • Spart Euch das Geld und reist in den ersten 2 Jahren, ohne einen Sitz für die Kleinsten zu buchen. Sie sitzen eh meist auf Eurem Schoß oder laufen umher, sofern sie denn laufen können.

Nicht bis zu Ende gedacht

UnbenanntJa, so ein Gesicht mache ich auch, wenn ich daran denke einen Betreuungsplatz für meinen Sohn zu finden. Die Stadt Leipzig hat extra eine Internetseite eingerichtet, auf der sich alle Eltern registrieren sollen, die einen Betreuungsplatz für ihr Kind suchen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um einen Krippen- oder Kindertagesstättenplatz handelt. Man gibt die Daten des Kindes an, sagt, ab wann es betreut werden soll und wählt verschiedene Einrichtungen aus, die einem zusagen. Maximal 5! Als wir nach Leipzig gezogen sind, war Theo bereits 6 Monate alt. Bevor man eine Meldeadresse in Leipzig hat, kann man sich im Portal nicht anmelden. Wir hingen also von Anfang an schon ziemlich hinterher. Hinzu kommt, dass er auch noch im Winter geboren wurde, wobei die Kitaplätze doch meist zum Herbst, also mit Einschulung der großen Kinder, vergeben werden. Mir leuchtet ein, dass es sich hierbei um ein Nachrutschen handelt und erst neue Kinder kommen können, wenn alte gehen und sich somit ein Kreislauf schließt. Aber dass ich mir nun auch noch überlegen soll, wann mein Kind wohl am besten geboren werden müsste, um an dieser Stelle meinen Partner Bereitsein zu animieren, das leuchtet mir dann eher nicht mehr ein. So macht das keinen Spaß kann ich Euch sagen und klar ist, dass Leipzig dabei kein Einzelfall ist. Die Situation in Deutschland ist verherend und das ist traurig mit anzusehen. Eine Freundin von mir in den Niederlanden weiß, dass sie Ende Juni ein Kind bekommt. Sie weiß ebenso, dass ihr 3 Monate Elternzeit zustehen. Sie hat bereits jetzt – im Februar – einen Kitaplatz für Ende Januar des kommendes Jahres klar gemacht. Bei uns heißt es, man soll sich bitte erst nach der Geburt des Kindes melden. Kann ich auch verstehen, dass keine Kita hysteriche Schwangere in Scharen vor ihrer Haustür stehen haben möchte. Aber weniger Anfragen werden es damit trotzdem nicht. Die Anzahl der geborenen Kinder bleibt an dieser Stelle gleich. Und es geht noch weiter: letzte Woche lernte ich eine Mutter kennen, deren Sohn 2 Monate älter ist als Theo. Sie weiß, dass ihr Sohn einmal in die Waldorfschule gehen soll, da sie selbst Waldorfpädagogin ist. Nun wurde ihr mitgeteilt, dass die Klasse, die für ihren Sohn in Frage kommen würde, bereits beinah gefüllt ist. Der junge Mann ist 16 Monate alt. Wir sprechen hier also von einem Einschulungsdatum frühestens im Jahr 2024. Und schon heute ist klar, dass seine Chancen, dort einen Platz zu bekommen, gleich null sind. Ist das nicht traurig?

Und wie ich so weiter in meinem Online-Portal surfe und auf die nächste Absage warte, überlege ich mir, welche Einrichtung noch in Frage kommen könnte und meine Top 5 komplettiert. Hoffentlich ist es an dieser Stelle eine Einrichtung, die auch das Portal nutzt. Denn das kommt noch hinzu: Nicht alle in der Liste aufgeführten Einrichtungen arbeiten mit dem Programm. Manche wünschen ein persönliches Vorstellen. Andere wollen, dass Du sie telefonisch kennenlernst. Einige bieten einen Infoabend an, der gleichzeitig als Interessenbekundung dient und so weiter. Und während ich alle Einrichtungen im Umkreis anrufe und erfrage, wie sie es denn gern hätten, stelle ich mir vor, dass das alle Muttis tun. Wer also kümmert sich um die Kids, wenn die Mitarbeiter_innen nur noch verzweifelte Mütter beruhigen müssen? Wer erledigt den Papierkram, der bei einer Leitungsposition in der Kita anfällt, wenn die zuständige Person telefonisch Fragen beantwortet? Da läuft eindeutig etwas ganz schön verkehrt in unserem System und das lässt mich ganz schön doof gucken. So wie das Mädchen auf der Startseite des Elternportals. Unbenannt

Gefrorenen Füße und frische Waren – alles, was das Herz begehrt!

Torres del Paine und die Atacama-Wüste. Pisco und Lamas. Vulkane und der Pazifik. Man findet etliche Dinge, die Europäer dazu bewegen, Chile zu

besuchen. Und dabei hat das Land einer Länge von mehr als 4000km so viel mehr zu bieten, als „nur“ diese Touristenattraktionen.

Letzte Woche waren wir in Curanipe. Dieser beschauliche Ort der 7. Region Chiles, genannt Region Maule, hat so viel zu bieten: Landleben, Fischerei, Meer und ein Mix aus Wind und Sonnenschein. Wir hatten uns für unseren Kurztrip eigentlich La Serena ausgesucht: viel weiter nördlich, sonnig und warm. Jedoch war uns ein campen in der prallen Sonne für eindeutig zu viel Geld zu teuer.

Wir fuhren also nach Curanipe, 3,5 Stunden südlich von Rengo, wo meine Schwiegereltern wohnen. Diese kurze Zeit im Auto war angesichts der momentanen Hitzewelle eindeutig machbar. Es ist insbesondere für den kleinen Mann im Kindersitz unangenehm zu Reisen, sodass wir das auf ein Minimum beschränken und trotzdem eine schöne Zeit haben wollten.

Wir mieteten uns folglich eine Ferienwohnung über Airbnb. Als i-Tüpfelchen bot diese eine Art Badewanne vor der Tür an. Diese wird mit Holz angeheizt, sodass man bei warmem Wasser das Rauschen des Meeres im Hintergrund genießen und entspannen kann. Ein kleiner Luxus, den wir uns buchten und zweimal innerhalb der Woche genossen. Außerhalb der Wanne reisten wir im Auto jeden Tag an diverse Orte, erkundeten die Region und freuten uns, dass sie eindeutig kaum touristisch erschlossen ist. Viele Einheimische reisen an und verbringen den Sommer dort. Doch Touristen findet man selten. Damit ist die Region Maule auch nicht zwingend auf den Umgang mit anderen Sprachen vorbereitet, man bekommt jedoch einen ungeschminkten Eindruck des Lebens der Menschen vor Ort.

Jeden Tag aßen wir Ceviche, ein Gericht bestehend aus Fisch oder Meeresfrüchten, Zitronensaft und Koriander. Ein must have für jeden, der nach Chile oder Peru reist. Ich habe mit meinem Mann bereits in Deutschland ein paar Mal Ceviche zubereitet. Jedoch ist diese niemals vergleichbar mit der, die wir hier serviert bekommen. Es ist einfach unbeschreiblich, wie sich der Geschmack einer Speise ändert, sobald die Zutaten lokal sind. Curanipe eindeutig eine Region der Fischerei. Das Schauspiel des Starts der Fischerboote am frühen Abend durften wir mehrfach beobachten. 17 Uhr startet die Schicht, bei Sonnenaufgang kommen sie beladen zurück vom Meer. Eine lange Nacht, die uns ermöglicht, lecker zu speisen.

Was uns beim Planen der Reise nach Chile am meisten erfreute, war der Geschmack der Lebensmittel. Uns tropfte der Zahn beim Gedanken an süßes Obst, knackiges Gemüse und schmackhaften Fisch. Das Gefühl der nach Deutschland importierten, geschmacklosen Ware frustriert eindeutig. Dabei handelt es sich um unreif gepflücktes Obst, gefrorenen Fisch und fad schmeckendes Gemüse. Der Gedanke, dass wir bald wieder Teil dieser furchtbaren Lebensmittelindustrie Deutschlands sein werden, macht mich etwas traurig. Hingegen ist es bei uns einfacher, Produkte zu finden, die nichts mit Nestlé zutun haben. So hat jedes Land sein Gutes und wir genießen die Zeit, die uns bleibt.

Während wir innerhalb der Woche unseren Fleischkonsum bei der Familie über die Feiertage mit Fisch und Meeresfrüchten kompensierten, besuchten wir zwei Nationalparks, erkundeten Naturdenkmäler und relaxten am Strand. Da wir uns vor Theos Geburt vornahmen, weiterhin wandern zu gehen, landeten die Trekkingschuhe ganz selbstverständlich im Gepäck. Da sich jedoch eine Wanderung von mehren Stunden mit einem Kleinkind auf dem Rücken nicht realisieren lässt, suchten wir kürzere Routen. Jeweils etwa maximal 2 Stunden stapften wir durch die Nationalparks und genossen es, dass der Jüngste schlafend etwas entspannen konnte. Als Kontrastprogramm dazu verbrachten wir den Nachmittag am Strand.

Nun müsst Ihr wissen, dass der Pazifik nicht zwingend ein Badeparadies darstellt. Im Norden Chiles ist das Wasser angenehm warm – sagt man mir immer -, hier jedoch merkt man, wie einem die Füße gefrieren, während man darauf wartet, dass die Welle vorbei rauscht. Ein Paradies für Surfer erstreckt sich über mehrere Kilometer. Der Wind ermöglicht jedem Liebhaber des Wassersports zahlreiches Wellenreiten, uns hingegen wurden interessante Einblicke gewährt. Theo für seinen Teil interessierte sich weniger für Surfer oder Fischerboote. Er war auch hier einfach nur verrückt nach dem kühlen Nass. Völlig egal, dass das Wasser einem Glas Eiswürfel gleichende Temperaturen annahm. Er war nicht aufzuhalten und steuerte ohne Halt immer wieder in Richtung Welle.

Wir reisten zu viert, mit meiner Schwägerin, die momentan Semesterferien hat. Somit hatten wir gleich eine weitere Spielkameradin für den Jüngsten mit an Bord. Am Wochenende kamen meine Schwiegereltern zu Besuch, da die Hütte genug Platz für alle bot. Alles in allem verbrachten wir eine unglaublich schöne Woche dort. Eine Region, die mir bisher vollkommen unbekannt war und mir stets im Gedächtnis bleiben wird. Sofern ich irgendwann Mal wieder nach Chile zurückkehre, dann kann ich mir vorstellen dort dort zu leben.

Man lernt nie aus: alles auf Anfang!

Wir sind beide schon einige Male gereist, sowohl zusammen, als auch getrennt voneinander, bevor wir uns kannten. Man könnte meinen, dass wir erfahren sind im Packen von Koffern, Verstauen von Dingen und Entscheiden, was wohin kommen soll. Diese Reise hat uns eines Besseren belehrt. Es war an der Zeit, Abschied von ein paar Dingen zu nehmen, die uns auf der Reise abhanden gekommen sind. Die einen fahrlässig, andere unfreiwillig und doch alle mir ihrer ganz eigenen Geschichte. Aber eins nach dem anderen.

Wir haben diese Fahrt lange Zeit geplant: von den Eltern in Rengo ausgehend mit dem Auto in 2 Tagen bis nach Ensenada zu einem Freund, dann mit dem Flugzeug nach Punta Arenas und anschließend innerhalb von 2 Tagen bis nach Ushuaia, Argentinien. Kurze Zeit später das ganze zurück bis Punta Arenas, dort ein paar Tage bleiben und schlussendlich den ganzen Weg zurück bis nach Rengo. Mehrere tausend Kilometer müssen wir dabei hinter uns lassen und das alles in der Ungewissheit, wie Theo unseren Plan finden wird. Bisher hatte er kein Problem mit uns im Auto zu fahren, also mussten wir es einfach versuchen. Wir haben uns vorab die Köpfe zerbrochen, ob das zu viel ist, ob er das mitmacht oder ob wir lieber einen anderen Plan verfolgen sollten. Doch alles Spekulieren half nix, wir wollten es versuchen. Schließlich lernen wir so von- und miteinander als Familie. Im schlimmsten Fall würden wir einfach ewig brauchen, da wir etliche Pausen einlegen. Sobald wir losgefahren sind, gäbe es kein Zurück mehr. Denn die Eckdaten der Reise waren geplant. Und auch wenn man unterwegs nach Ushuaia feststellt, dass er das nicht mitmacht, so liegen entweder kilometerweit Pampa vor oder hinter uns, bis wir etwas anderes zu sehen bekommen.

Unser erster Stopp führte uns nach Pitrufquén, ein kleiner

Ort ähnlich anderer touristischer Städte. Dort führt ein Fluss hindurch, welchen wir am selben Abend noch besuchten. Lange Zeit saßen wir im Auto und wir wollten uns einfach ein wenig die Beine vertreten. Theo schlief in der Trage an meinem Rücken befestigt friedlich vor sich hin. Aufregend und lang war diese erste Etappe und doch hat alles super gut geklappt. Nach der Nacht in der Hütte fuhren wir weiter bis zum Lago Llanquihue. Ich habe in den letzten Wochen ein Buch über die deutschen Einwanderer in Chile im 18. Jahrhundert gelesen. Da war dieser See der Dreh- und Angelpunkt der sich aufbauenden Kolonie. Es war irgendwie aufregend dort entlang zu fahren, auch wenn ich weiß, dass die meisten Personen des Romans frei erfundene Charakterer sind. So sind jedoch die Eckdaten, die Schwierigkeiten, die ihnen am Anfang begegnet sind, auf Basis realer Ereignisse geschildert. Und diese Bilder liefen immer wieder vor meinem inneren Auge ab, als wir am See ankamen. Der Weg dahin war etwas beschwerlich. Wir wollten nach Ensenada, um bei einem Freund von Sergio ein paar Tage zu bleiben. Wir sind am Tag zuvor extra weit

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Blick auf den Osorno vom Grunstück aus

gefahren, damit wir am nächsten Tag nur ein vergleichsweise kurzes Stück Weg hinter uns bringen müssen. Jedoch gab es auf der Autobahn einen riesigen Unfall, der eine fette Umleitung über Schotterstraßen mit vor sich hinschleichenden LKW’s zur Folge hatte. Anschließend wurde der Weg nach Enseanda gesperrt, da sie an einer Brücke arbeiteten und anstatt eine Ausweichmöglichkeit zu schaffen lieber gleich beide Richtungen in einem Abwasch neu machen. Ein Hinweisschild, dass die Brücke nicht befahrbar ist, gab es auch nicht wirklich. Eine Umleitung sschon gar nicht. Und so irrten wir eine Weile durch die Landschaft, den Blick fest auf die Tankanzeige geheftet, die bereits bedrohlich zu blinken begann. Berg rauf, Berg runter – so schnell sich die Höhenunterschiede ändert, so rasant sank der Tankfüllstand. Bis wir letztendlich bei der Prognose von Sprit für noch 10 verbleibende Kilometer ankamen. Wir blieben stehen. Am Berg. Google Maps verriet uns, dass es in 6km eine Tankstelle geben soll. Also los, ein Versuch war es wert. Was hätten wir dort stehen sollen? Die Tankstelle in 6km sollte in Ensenada sein, also hätten wir dann wenigstens unser Ziel erreicht und würden nicht irgendwo im nirgendwo rumstehen. Auto an, Gang rein, Losfahren. Der Tankfüllstand sank nun schneller, als es vorher der Fall war. Und so zeigte uns das Auto innerhalb weniger Minuten an, dass wir kein Benzin mehr hatten. Nix. Und wir rollten weiter den Berg runter und fuhren den nächsten Hügel wieder hinauf. Serpentine für Serpentine. Mindestens 10 Minuten kurvten wir um den Lago Llanquihue herum, obwohl wir kein Benzin mehr hatten. Ortseingangsschild Ensenada. Tankstelle. Ein Glück. Niemals zuvor sind wir mit leerem Tank gefahren. Die beiden Straßensperrungen haben unsere Anreise beim Freund eindeutig spannend gemacht. Und am Ende wurden wir mit einem spektakulären Blick auf den Vulkan Osorno belohnt. Wir blieben 2 Nächte bei ihm, waren gemeinsam wandern, haben gekocht und geschwatzt. Von ihm aus sind wir zum Flughafen gefahren und erlebten eine große Überraschung.

Vorab in Rengo kauften wir eine Gasflasche für den Campingkocher. Diese packten wir in den Koffer, um ihn beim Check-in aufzugeben. Am Flughafen angekommen gaben wir unser Gepäck auf und waren gerade dabei in Richtung Gate zu gehen, da wurde mein Name aufgerufen. Ich solle bitte zurück kommen und meinen Rucksack öffnen. Die Gasflasche darf nicht mit. Das war uns neu. Beschämt verließen wir den Bereich, froh, dass wir diesen Aufruf gehört haben, sonst hätten sie mein Gepäck aus dem Verkehr gezogen und vernichtet. Und während wir uns bei der Anreise in Chile Gedanken gemacht haben, die Kleidung von allen drei auf beide Rucksäcke zu verteilen, so wären in dem Fall Theo und ich ohne Kleidung geblieben. Alle Sachen von Sergio waren in seinem Rucksack. Bei der Kontrolle des Handgepäcks die nächste – naj , eine Überraschung war es nicht. Einfach eine Dummheit. „Bitte öffnen Sie ihren Koffer!“, sagte die Frau am Laufband. „Haben Sie Messer dabei?“ In der Eile beim Einpacken verstaute Sergio unser Besteck im Handgepäck. Während wir also die Gabeln mitnehmen durften, wurden uns die Messer entzogen. Ärgerlich das ganze und wirklich einfach nur dämlich. Aber gut, passiert. Uns ist einfach bewusst geworden, dass wir beide unglaublich aufmerksam sind, dass wir ausreichend Dinge für den kleinen Mann dabei haben. Dabei sind wir zwei einfach hinten runter gefallen. Und somit verließen uns bis zu diesem Teil der Reise ein paar Liter Benzin, eine Propangas-Flasche und zwei Steakmesser. Auf Wiedersehen!

Beim Gang zum Gate erschien auf der Anzeige der Hinweis, dass unser Flug eine Stunde Verspätung hat. Unsere Weiterreise mit dem Mietwagen an dem Abend verzögerte sich also. Wir kamen somit nach 19Uhr in Punta Arenas an und mussten noch mindestens zweieinhalb Stunden bis San Gregorio fahren. Wir wollten den langen Weg bis nach Ushuaia ein wenig abkürzen und buchten eine Nacht in einem Hostel im Nirgendwo.

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hinter unserem Haus in Ushuaia

Zwischen Punta Arenas und San Gregorio ist nichts. Und danach auch lange nichts, außer die Fähre über die Magellanstraße. Und dann gähnende Leere. Und der Grenzübergang. Bis Ushuaia brauchten wir mindestens 6 Stunden von San Gregorio aus. Im Landeanflug von Punta Arenas wurde klar, dass der Kapitän bewusst etwas von 80km/h Windgeschwindigkeit erzählte. Die gingen nicht spurlos am Flugzeug vorüber. Hin und her wackelte der Blechvogel und erschwerte die Landung damit deutlich. Und das noch nicht genug: das Bodenpersonal konnte die Koffer nicht ausladen. Die Klappe des Flugzeugs ließ sich nicht öffnen, zu windig war es draußen. Sie musste das Flugzeug umparken und so warteten wir eine Stunde, bis endlich unsere Koffer entladen werden konnten. Während der Zeit stand Arturo vor dem abgesperrten Bereich und wartete darauf, uns den Mietwagen zu übergeben. Sergio ging also bereits vor die Tür und wollte den Papierkram mit ihm erledigen. Und wie Arturo bewusst wurde, dass wir am selben Abend noch in Richtung Argentinien aufbrechen, gestand er, den Passierschein fürs Ausland im Büro vergessen zu haben. Er wollte uns diesen morgen geben, meinte er. Nachdem er sich rasant verabschiedete, um das Dokument im Büro zu holen, wurden unsere Koffer entladen. Und so standen wir in der Wartehalle des Flughafens und hofften, dass er bald zurückkäme. Es war bereits neun Uhr abends, als wir unter erschwerten, stürmischen Bedigungen das Auto beluden und gen San Gregorio aufbrachen. Mit dem Lenkrad fest in der Hand wussten wir nur, dass wir etwa 23:30 Uhr ankommen würde, niemand mehr wach sein wird, um uns in Empfang zu nehmen und unswere Hütte die Nummer 4 besitzt und ein blaues Dach hat. Großartig. Finde ein blaues Dach um 23:30 Uhr in der Nacht, haben wir uns gedacht. Stockfinster wird es sein. Doch da haben wir uns geirrt. Wir befanden uns so weit im Süden, dass es bis 23:00 Uhr taghell war. Die windige Autofahrt war demnach nicht zappenduster. Immerhin was. Angekommen in der Hütte 4 mit dem blauen Dach genossen wir unsere Erdnüsse, die uns als Abendbrot dienten und fielen anschließend ins Bett.

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vollkommen fasziniert von allen Tieren

Spät erwacht am nächsten Morgen frühstückten wir schnell und fuhren sofort weiter. Nach wie vor war es windig, wodurch die Fahrt über die Magellenstraße ziemlich schwankend verlief. Anschließend setzten wir unseren Weg fort durch das Nichts. Vorbei an lamaähnlichen Tieren, durch hügelige Landschaften und mit einem großen Nichts hinter der Frontscheibe. Eine trostlose Landschaft, die gleichzeitig unglaublich schön war. Uns begegneten Radfahrer, vor denen wir den Hut zogen. Wir überholten viele LKW ’s und nahmen schlussendlich einen Tramper vor der argentinischen Grenze mit. Cristian. Er wolle weg aus Buenos Aires. Da ist es ihm langsam zu gefährlich, erklärte er uns. In Rio Grande wohnt seine Schwester, da will er Arbeit suchen, meinte er zu uns. Wir passierten also gemeinsam die Grenze, oftmals schweigend, denn viel zu erzählen hatte Cristian nicht. Das fanden wir etwas schade, jedoch stellte sich am Ende heraus, dass das Eis einfach noch gebrochen werden musste. Uns fehlte eine gemeinsame Geschichte, die das erzählen lohnt. Doch auch diese ließ nicht lange auf sich warten: hinter der argentinischen Grenze fiel uns ein (wir hatten schließlich aus früheren Situationen gelernt), dass wir unbedingt tanken müssen. Die Tankstelle, die wir auf chilenischer Seite anfuhren, hatte kein Benzin mehr. Wir nahmen also die kleine Tankstelle direkt am Grenzübergang und fühlten uns auf der sicheren Seite. Wie der Mann nach und nach Benzin reinlaufen ließ, fragte ihn Sergio, ob man mit Karte zahlen könne. „Nein!“, meinte dieser. „Ok Stopp, wir haben keine Argentinischen Peso!“, sagte Sergio schnell und er ließ weiter laufen. „Stopp, habe ich gesagt“, schallte es lauter von draußen ins Auto. Doch nichts tat sich. „Hallo, hören Sie? Wir haben kein Geld dabei. Hören Sie auf in das Auto zu tanken!“, wurde er deutlicher und der Mann hörte auf. Ich weiß nicht mehr wieviel er tankte, doch er wollte uns nicht fahren lassen. Wir saßen fest. Am Grenzübergang war Geldwechsel nicht möglich. Niemand konnte uns helfen. Unser Begleiter Cristian hatet zu wenig Geld dabei. „Lass uns verhandeln“, sagte er zu Sergio. Und so stapften die beiden zum Tankstellenwart und verhandelten. „Auf dem Rückweg zahlen wir die Differenz“, war die Abmachung. Dabei handelte es sich um keine 5 Euro. Und wir konnten losfahren. An dieser Stelle spare ich mir zu erklären, warum wir am Ende nicht zurück gefahren sind, um die Differenz zu zahlen.

Nach dieser Geschichte verband uns mit Cristian etwas. Die Gespräche kamen Stück für Stück ins Rollen und er berichtete mehr von sich und seiner Lebenswelt. Wir setzten ihn in Rio Grande bei seiner Schwester ab, zahlten unsere Schulden zurück und düsten so schnell wie möglich in Richtung Ushuaia. Zu lange waren wir schon unterwegs, wir wollten einfach nur noch ankommen. Wir genossen dort ein paar ruhige Tage, ohne das Auto auch nur einmal zu betreten. Wir sparten uns das Geld uns in überfüllte, überteuerte Touren zu Pinguinen zu quetschen. Wir waren einfach nur als Familie dort und ließen die Stadt auf uns wirken. Bis wir schließlich wieder zurück fuhren, das Licht am Auto anließen und sich die Batterie entlud. Was blieb uns eigentlich noch nicht erspart auf dieser Reise?

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Wir sind beide über 30, haben etliche Länder dieser Welt besucht, diverse Typen Autos gefahren und trotzdem huschen wir von einer Dummheit in die nächste. Ich bekam langsam den Eindruck, dass Reisen mit Kind noch einmal alles auf Anfang setzt. Als wäre das die erste Reise. So haben wir uns jedenfalls gefühlt. Schusselfehler, Dummheiten und peinliche Details. Wir greifen uns an den Kopf, lachen darüber und sind froh, dass alles gut gegangen ist. Wir sind immer ruhig geblieben, haben einen kühlen Kopf bewahrt und sind aus jeder einzelnen Situation entspannt raus gegangen. Nach diesen zwei Wochen reisen ist uns nun klar, dass Theo das ganz gut verträgt, wir ein gutes Gespür für ihn haben und ausreichend Stopps einlegen, damit wir uns alle die Beine vertreten und Abstand vom Auto gewinnen können. Man merkte, dass der kleine Mann sofort aufgeregt wurde und sich bewegen wollte, sobald er den Kindersitz verlassen hat. Er erträgt das angeschnallt sein meist ohne Gemecker. Sobald er frei ist, zeigt er, dass er die Bewegung genießt. Er freut sich über jede Kleinigkeit, strampelt mit den Beinen hin und her und watschelt aufgeregt zu jeder Kleinigkeit, die ihm über den Weg läuft. Nun sind wir wieder bei den Eltern in Rengo, bereiten uns auf den ersten Geburtstag, Weihnachten, eine Hochzeit und die Neujahrsfeier vor. Klingt spannend? Ich werde berichten.

Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit

Wir sind auf der Ruta 5 unterwegs, der größten Autobahn des Landes. Sie durchstreift Chile einmal von Nord nach Süd bis zum Beginn von Patagonien. Als Beifahrerin lasse ich die Landschaft an mir vorbei streichen und erinnere mich an vielen kleine Dinge, die einmal so normal in mein Alltag waren.

So begegnen wir beispielsweise Autos, die frei Schnauze beladen und bis oben hin voll bepackt sind. Keine großartigen Kisten, die alles sicher verstauen, sondern einfach so. Wir überholen Busse der Firma Turbus – eine der bekanntesten Agenturen für Busreisen des Landes. Ich kann mir kein bequemeres Reisen vorstellen, kein Flixbus kann da mithalten. Wir halten an Raststätten, die saubere Toiletten haben, auch ohne dass wir ein paar Münzen einwerfen, eine Schranke passieren und am Ende etwas einkaufen müssen, um anstatt 70 Cent nur 20 Cent zu zahlen.

Wir passieren eine Abfahrt nach der anderen, teilweise mit kleinen Bushaltestellen für die Pendler. Sofern es kein Häuschen gibt, stehen die Reisenden unter Brücken im Schatten oder direkt in der Sonne am Straßenrand und warten auf den Bus.

Ich blicke auf Schüler*innen in ihren Uniformen, streunende Hunde und auch schmutzige Straßenzüge. Ich erfreue mich an energievollen Unterhaltungen, Musik in den öffentlichen Verkehrsmitteln und zwei Frauen, die bei einem Sitz-Konzert ganz selbstverständlich in der ersten Reihe zur Musik tanzen.

Latinoamerika, so kenne ich Dich. So liebe ich Dich.

Nach einem ersten Verschnaufen bei den Großeltern und etwas Schnupfen für den Kleinen und mich selbst, starten wir nun unseren ersten Urlaub in Richtung Punta Arenas und Ushuaia. Mit dem Auto lassen wir den ersten Teil bis Puerto Montt hinter uns, dann geht’s weiter im Flugzeug nach Punta Arenas und von dort aus mit dem Auto bis Ushuaia (Argentinien). Die mehreren tausend Kilometer, die wir insgesamt bestreiten, teilen wir in zwei Wochen auf. Bis dann wollen wir zurück sein und Theos ersten Geburtstag feiern. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieses Datum einige Veränderung mit sich bringt. Der Schlaf am Vormittag brachte in letzter Zeit nur Kampf mit sich. Mit Händen und Füßen, mit all seiner Kraft hat er sich gegen den Schlaf gewehrt. Zu spannend sind draußen im Garten die Hunde und Verwandten, alle Geräusche und Gerüche, alle Geschmäcker und Gespräche. Nach dem dritten Tag mit schmerzenden Handgelenken kam ich an meine Grenze. Wir mussten etwas ändern: kein Vormittagsschläfchen mehr. Wohin führt uns das? Es besteht ein Risiko, dass er quengelig in schlecht gelaunt die Zeit verbringt, doch das mussten wir ausprobieren. Uns ich kann sagen, bis jetzt bringt diese Neuerung einen langen und ausgiebigen Mittagsschlaf mit sich. So auch jetzt im Auto, wodurch wir gut vorankommen.

Ein Jahr alt zu sein bedeutet auch, dass er kein Baby mehr ist. Er wird zum Kleinkind. Jeder Schritt, den er neuerdings an der Hand gestützt macht, belegt genau diese Entwicklungsstufe. Mit ein wenig Wehleid und auch Stolz begleite ich diese Schritte. Wir können zukünftig auf Spielplätze oder im Wald auf Erkundungstour gehen. Wir können auf Bäume klettern und ich kann Dir die Welt zu Fuß zeigen. Es heißt aber auch, dass wir ab jetzt ganz genau aufpassen müssen, wohin Du gehst. Aufpassen, wonach Du greifst, was Dich interessiert und wen Du anlächelst. Damit sind die Zeiten vorbei, in denen Du stillschweigend in der Ecke gespielt hast und dort liegen bleibst, wo ich Dich abgelegt habe. Und so sehr diese neue Entwicklung auch zur Herausforderung wird, so sehr freue ich mich genau auf diese Zeit mit Dir. Jede Etappe bringt ihren Charme mit sich. So auch diese: auf wackeligen Beinen stolperst Du voran, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hoch erhobenen hand zum Gruß an die vorbei ziehenden Gestalten. So freundlich und neugierig bist Du, behalte das bei. Es steht Dir gut.

In Pitrufquén angekommen machen wir Pause. Eine Nacht bleibt uns, 600km liegen hinter uns. Wie im Flug sind sie vergangen und Du hast auch diesen Weg kaum meckernd mit uns bestritten. Ich freue mich, dass der Grundsatz „Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit“ an dieser Stelle aufgeht. Nun ruh Dich aus, morgen gibt es wieder viel Neues zu entdecken.

Nimm Dir Zeit!

In den letzten Wochen hast Du viel Unruhe erlebt. In Deinem zukünftigen Kinderzimmer stapelten sich Kleidung und Mitbringsel. Eine Ansammlung von To-Do-Listen wurde in der Küche festgepinnt – ein Punkt nach dem anderen abgestrichen, andere wiederrum hinzugefügt. „Irgendwas passiert hier!“, magst Du Dir vielleicht gedacht haben. „Warum kann ich den Zettel nicht haben?“, hast Du Dich geärgert. Einordnen konntest Du das Geschehen mit Sicherheit nicht. Hast es so hingenommen, wie es war und genossen, wenn wir zu Hause gespielt haben oder Deine Freunde trafen.

Erinnerst Du Dich noch an unseren Umzug nach Leipzig? Die vielen Kisten, die leeren Schränke, etliche Personen, die rein und raus liefen und die Wohnung in Potsdam Stück für Stück leer räumten. Eingeschlafen bist Du, so aufregend war das alles. Und als Du aufgewacht bist, war plötzlich alles anders. Eine andere Wohnung, andere Stadt, ein anderes Umfeld. Wie mag es sich wohl dieses Mal für Dich angefühlt haben? Einschlafen, aufwachen und plötzlich sind es 30 Grad, anstatt 12, wie gestern noch. Plötzlich ist um Dich rum alles anders: andere Menschen, andere Sprache, anderer Geruch. Und die Leute aus dem Handy stehen auf einmal vor Dir, während die, die sonst öfter vor Dir standen, nun aus dem Handy heraus Dich anlächeln.

Wir haben uns etliche Gedanken gemacht, wie wir es Dir so angenehm wie möglich gestalten können. Keine Schmerzen bei Start und Landung, ausreichend Ruhe zum Schlafen finden, die vielen Eindrücke gut verarbeiten können. Uns blieben nur Spekulationen und das Schmieden von Plänen. Eine definitive Antwort blieb vorerst aus. Bis zum Tag der Abreise! Ein langer Weg lag vor uns: insgesamt 26,5 Stunden von unserer Haustür bis zum Verlassen des Flugzeugs. Und Du kleiner Mann musst mit, ohne zu verstehen warum das alles. Wie unfair ist es doch manchmal, dass Du Dich nicht ausdrücken kannst, nicht rufen kannst „STOPP! Ich will das nicht!“. Nicht fragen kannst „Was ist hier los? Wo fahren wir hin?“ Aber glaube mir, es kommt die Zeit, da hast Du diese Fähigkeiten, kannst Dich mitteilen, uns mit Worten wissen lassen, was Dich stört, Dich belastet und beschäftigt. Und auch wenn wir dann in Ruhe darüber sprechen können, so führt kein Weg daran vorbei: auch dann wirst Du mit uns diese lange Reise auf Dich nehmen. Denn Oma und Opa, Onkel und Tante und die Uroma wohnen weit weg. Auf der anderen Seite des Atlantiks. Du wirst es sicherlich verstehen, wirst vermutlich ausreichend abgelenkt von den vielen Trickfilmen im Flugzeug seelenruhig schlafen und Deinen chilenischen Verwandten beim Wiedersehen freudig in die Arme laufen. Nur jetzt noch nicht. Jetzt ist alles komisch und Du brauchst Zeit, Dich daran zu gewöhnen. Wir geben Dir diese Zeit und sind bis dahin an Deiner Seite. Geben Dir Halt und nehmen Dich ernst. Mach Dir keine Gedanken, wir sind für Dich da.img-20181127-wa0009530032146.jpg

Mich persönlich hat gefreut, dass wir lange Wartezeiten auf der ganzen Reise umgehen konnten. Präferenz hier, bevorzugte Behandlung da. Für Familien wird versucht, alles so unkompliziert und angenehm wie möglich zu gestalten. Als erstes ins Flugzeug einsteigen. Ein Babybett, welches man in die Wand vor sich einhaken kann. Eine separate Warteschlange beim Kontrollieren der Pässe und Durchleuchten der Koffer. All das hat uns viel Zeit erspart und das dünne Nervenkostüm entlastet. Und auch wenn wir im Endeffekt weniger Zeit mit administrativen Dingen verbrachten, als andere Passagiere, so wurde die Zeit irgendwann lang. Raus wolltest Du. Das Bett ist nicht besonders groß, angeschnallt musstest Du auch sein. An Umdrehen war dabei nicht zu denken. Komplett übermüdet bist Du irgendwann eingechlafen und wir mit Dir. Von 14 Stunden direktem Flug haben wir insgesamt etwa an die 6 Stunden die Augen geschllossen. Kein Passagier drumherum hat sich beschwert. Du hast alle angestrahlt, wenig geweint und genügsam die Situation ertragen, wie sie war. Wir waren bei Dir, alles andere schien erstmal nicht bedenkenswert – in den meisten Fällen.

Angekommen in der Wärme fielen wir der Familie in die Arme, ein lang ersehntes Wiedersehen untermalt mit Tränen der Freude. Laut und wuselig wurde es um Dich herum. Unruhe, die Dich nicht entspannen ließ. Nicht mehr als eine Stunde hast Du den Tag über geschlafen und bist buchstäblich umgefallen, als es an den Nachtschlaf ging. 4 Stunden Zeitdifferenz. So lang hast Du durchgehalten, um am Morgen 4:30 Uhr mit glühendem Kopf aufzuwachen. 38,9°! Fieber. Die lange Reise hinterließ Spuren. Auch in der zweiten Nacht hast Du Fieber, schläfst jedoch lang am nächsten Morgen. Holst nach, was Dir gefehlt hat und wir mit Dir. Stück für Stück gewöhnst Du Dich an das neue Umfeld und erkundest die vielen Spielsachen, die hier für Dich gesammelt wurden. Nur die vielen unbekannten Menschen, die darauf warteten, dich endlich kennenzulernen, die freudig strahlend auf Dich zukommen, Dich streicheln und umarmen wollen, die kannst Du noch nicht einordnen. Zu viel ist es Dir oftmals. Du lehnst den Kopf auf meine Schulter, versteckst Dein Gesicht in meinem T-Shirt und verziehst das Gesicht. Es ist ok, nimm Dir Zeit. Gewöhn Dich an alles in Deinem Tempo. Du wirst noch viele Leute treffen, die sich auf Dich freuen. Und sie alle verstehen, dass Du Zeit brauchst. Du bekommst sie, jeden Tag auf’s Neue!

Da sein.

Es sind ganz pragmatische Gründe, die mich nach Chile geführt haben. Ich habe Spanisch im Nebenfach studiert und wollte nach meinem Abschluß unbedingt an meinen Sprachfähigkeiten arbeiten. Ich wollte nicht direkt arbeiten, sondern erst einmal was anderes machen. Ich hatte Angst davor einfach allein zu reisen, also habe ich mich einer Organisation angeschlossen und bin als Freiwillige ins Ausland gegangen. Mein Traum war zu der Zeit im Bereich Streetwork zu arbeiten. Um diesem Traum ein Stück näher zu kommen, wollte ich ähnliche Projekte im Ausland ins Auge fassen und Erfahrungen sammeln. Ich suchte das Land also anhand der Projekte aus. Nur Brasilien kam nicht in Frage, ansonsten reizte mich ganz Lateinamerika. „Wieso nicht Spanien?“ Das Frewilligenprogramm schrieb vor, dass der Deutsche Bund meinen Flug bezahlt. Zur damaligen Zeit waren Flüg nach Spanien mega billig. Einmal einen Flug nach Lateinamerika bezahlen zu können war für mich undenkbar. Also nahm ich die chance wahr und wollte weit weg. Meine Grenze finden wollte ich. Was anderes machen und auf mich gestellt sein. Mich ausprobieren in der Welt.1601_10201013988608578_1864481182_n

Ich habe mir diverse Projekte angeschaut. Anfangs wollte ich nach Mexiko, um mit ehemaligen Bandenkids zu arbeiten. Meine Freunde sahen mich schief an und meinten: „Such von uns aus Deine Grenze, aber geh nicht gleich auf’s Ganze!“ Ich kam ins Zweifeln. Kleinere Schritte also. Ich wollte keine Gastfamilie. Ich hatte bereits 7 Jahre in einer WG gelebt und wollte nicht zurück in einen familiären Haushalt mit anderen Regeln, als ich sie mir vielleicht auferlegen würde. Ich wollte mein Ding machen. Ich wollte Streetworkerin in Lateinamerika sein, in einer WG leben und Spanisch lernen. Nach ein paar Suchanläufen fand ich ein Projekt in Chile. Im Hintergrund stand, dass man bereits eine Ausbildung im sozialen Bereich absolviert haben sollte. Das passte perfekt. Ich bekam finanzielle Unterstützung, um einen eigenen Haushalt zu führen und reiste nach intensiver Vorbereitung am 1. September 2012 aus. Ich flog mit zwei anderen Mitfreiwilligen von Frankfurt aus. Wir lebten alle in der gleichen Stadt, jedoch war uns von Anfang an wichtig, dass jeder sein Leben lebt. Wir wollten spanisch lernen, Anschluß finden und nicht nur unter Deutschen sein. In Valparaiso, unserer neuen Heimat, angekommen, trennten sich unsere Wege. Jeder ging in seine vorab organisierte Wohnung. Uns verband eine Frau, die uns als Mentorin zugeteilt worden war. Mit ihr trafen wir uns im Laufe des Jahres zu viert und tauschten uns aus.

Nun ist es 6 Jahre her, dass ich nach Valparaiso gezogen bin. Während diese damalige Ausreise für mich eine Erfahrung darstellen sollte, ist sie heute für mich Teil meines Lebens. Ich habe Familie dort. Ich habe viele Erinnerungen dort gelassen. Ich habe dort Freunde gefunden und meinen Mann kennengelernt. Ich habe ein Stück meines Herzens in Chile gelassen und kann immer wieder zurück gehen, um es zu füttern.

537223_10200639125237228_1631449014_nMorgen, nach knapp drei Jahren, mache ich mich wieder auf den Weg. Seit Wochen befinde ich mich in einer Wartehaltung. Warten darauf, dass es endlich losgeht. Dass wir voll bepackt in die Tram zum Bahnhof steigen. Dass der Flieger abhebt und wir endgültig nicht mehr spekulieren müssen, wie der Kleine das Fliegen findet. Wir erleben es in dem Moment. Doch wenn ich ehrlich bin, warten wir nur auf eins: Aussteigen, Ankommen, Umarmen, da sein. Einfach da sein. Im Sommer, in Chile, bei der Familie. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, als wir das letzte Mal am Flughafen in den Bus zur Familie stiegen. Diese Fahrt weckte so viele Erinnerungen. Diese Landschaft ließ mich wieder zurück blicken. Drei Jahre, seitdem wir das letzte Mal dort waren. Wir haben viel erlebt in der Zeit: zwei Menschen sind gegangen, einer ist gekommen. Es wurde geheiratet und gefeiert. Wir haben gelacht und geweint. Wir haben viel Zeit zusammen und auch einige Zeit getrennt voneinander verbracht. Es sind neue Freunde hinzu gekommen und alte haben wir ziehen lassen.

Nun, wieder drei Jahre später, wird es anders werden. Wir steigen nicht in den Bus, wir werden abgeholt. Wir reisen nicht zu zweit, sondern zu dritt. Wir bringen mehr mit, haben uns anders vorbereitet. Wir werden reisen. Wir haben viel Zeit im Gepäck, mehr als jemals zuvor. Und doch bleibt eines am Ende gleich: das Gefühl beim Verlassen des Fugzeugs. Da sein. In Chile.