Hoch, höher, am höchsten

Ich bin von Friedrichs Potsdam ordentlich verwöhnt: Die Straßen sind derart ausgebaut, dass man bequem mit einer Kutsche die Stadt erkunden kann. Abgesenkte Bordsteine und Erhöhungen an den Straßenbahnhaltestellen erleichtern die Mobilität mit Kinderwagen in der Stadt. Es fehlt einem beinah an nichts, um gemütlich mit Kind unterwegs zu sein. Einzig und allein die Handvoll alter Straßenbahnen, die Dank ihres Zugangs über Treppen das Bild des preußischen Potsdams trüben, stellen ein Hindernis dar. Ich habe mich jedes Mal geärgert, wenn ich diese Straßenbahn auf mich zufahren sah. Eine absolute Einschränkung meiner Freiheit, denn ich kam einfach nicht allein hinein. Stets musste ich jemanden ansprechen, der mir beim Rein- und Raustragen hilft. Insbesondere vormittags, wenn verglechsweise mehr ältere Menschen und Muttis mit Kind unterwegs sind, als kräftige Anpacker_innen. Alles in allem kam dies jedoch in den sechs Monaten, die ich nun mit Kinderwagen unterwegs bin, sehr selten vor. Heute weiß ich, dass das alles halb so wild war.

In Leipzig unterwegs zu sein ist im Vergleich zu Potsdams preußischer Ordnung eine Schaukelpartie für den Kleinsten. Die Gehwege sind ziemlich uneben, Wurzeln suchen sich ihren Weg durch die Pflaster und Theo wird ordentlich durchgeschüttelt in seiner Karosserie. Selbst der Gang mit Trage erlaubt keinen Moment Unaufmerksamkeit. Zu hoch ist die Gefahr, dass man über eine der erhöhten Wurzeln auf dem Gehweg stolpert.

Während an dieser Stelle an Erhöhungen nicht gespart wird, fehlen dergleichen an den Haltestellen der Straßenbahnen. Ich war gestern den ganzen Tag mit der Straßenbahn unterwegs, da ich einige Ämtergänge zu erledigen hatte. Der enorme Höhenunterschied zwischen Straßenbahntür und Straße bewirkt beim Ein- und Ausstieg, dass Theo mit komplettem Körpereinsatz einmal die untere Kante des Wagens erreicht und dann, wenn ich den Kinderwagen wieder in seine normale Ausgangsposition bringe, mich ordentlich zusammengefaltet mit großen Augen verwundert anblickt. Es wird also nicht langweilig auf unserem Weg durch die Stadt.

Zum Thema „hoch“ ist mir gestern auch etwas Interessantes passiert. Im Bürgerbüro in der Innenstadt mussten wir zwei Stunden warten und somit blieb mir ein Gang zum Wickeltisch nicht erspart. Diese gelungene Abwechslung kam Theo und mir ganz recht, denn langsam wurden unsere Pobacken platt. Also meine zumindest. Angekommen auf der Behindertentoilette klappte ich den Wickeltisch nach unten undimg_20180619_212059758611711.jpg musste erstmal herzhaft lachen. Ich bin mit meiner Körpergröße von 1,76m eine absolute Befürworterin von hoch gelegenen Arbeistplatten. Unsere Küche baut Sergio im Moment auf einer so tollen Höhe, dass das Kochen gleich nochmal doppelt so viel Spaß macht. Bezogen auf einen Wickeltisch allerdings hätte ich doch gern die Möglichkeit meinem Kleinsten in die Augen zu sehen. Dieser Wickeltisch jedoch war auf meiner hoch gelegnen Brusthöhe angebracht.  Und während ich uneingeschränkt direkt auf den Windelbereich blicken konnte, verrenkte Theo währenddessen seine Augen nach unten, um mich sehen zu können.

Ich will aber gar nicht ins Kritisieren verfallen. Das liegt mir echt fern. Ich mag es hier in der Stadt zu sein. Gestern Abend saßen Sergio und ich am Tisch und er sagte zu mir: „Weißt Du, was mir aufgefallen ist? Hier grüßen einen alle ganz nett! Im Toom steht einer an der Tür und begrüßt alle, die reinkommen. Das ist sein einziger Job an diesem Tag. Ist das nicht verrückt?“ Da fällt mir nur wieder einmal auf, wie unfreundlich Brandenburger_innen und Berliner_innen sein können. Irgendwann hörte ich mal einen Witz. Darin ging eine Frau zum Bäcker in Berlin und als sie raus kam und mit ihrem Freund sprach, so wa sie ganz verunsichert, ob sie nicht vielleicht doch zu nett gewesen ist. Sie überlegte nochmal rein zu gehen und sich besonders schlecht zu benehmen, damit sie nicht merkwürdig auffällt in Deutchlands Hauptstadt. Was sagt man dazu? Ich selbst habe oftmals gedacht, dass Potsdamer_innen wirklich hochnäsig und miesepetrig sein können. Das war ich aus meiner Heimat Thüringen gar nicht gewohnt. Und plötzlich bin ich diejenige, die ins scheinbar hochnäsig Bürgerbüro kommt und nicht allen Anwesenden beim Betreten „Hallo!“ sagt.