der ganz normale Wahnsinn..

Mein Blog nennt sich „Wahnsinnsfamilie“. Warum? Weil ich über den ganz normalen Wahnsinn (m)einer Familie schreibe. Dazu zählen nicht ausschließlich Themen, die unser neuestes Familienmitglied betreffen, sondern auch Themen, die nur mich etwas angehen. So zum Beispiel der Wahnsinn auf den Straßen, der sich tagtäglich zwischen Rad- und Autofahrer*innen abspielt.

Ich bin hauptächlich mit dem Rad unterwegs, da wir bisher kein Auto besitzen. Jedoch weiß ich dadurch, wie entscheidend ein Blick über die Schulter ist. Wie wichtig es ist, nochmal genau hinzusehen, bevor ich abbiege. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Auto hinter Dir drängelt, weil Du einfach nicht schnell genug bist. Ich weiß, dass manche Menschen nervös werden und lieber auf dem Fußweg fahren, wodurch der Wahnsinns-Kreislauf um eine Instanz erweitert werden kann: Füßgänger*innen. Ich weiß auch, wie nervig es sein kann, wenn ein Rad vor Dir schleicht oder einfach so um die Ecke geschossen kommt, ohne nach Dir Ausschau zu halten. All dieses Wissen, welches mich im Straßenverkehr bewegt, lässt mich nach wie vor erstaunen, was letzte Woche eigentlich im Kopf der Autofahrerin hinter mir vor sich ging.

Ich war mit dem Rad in einer Nebenstraße unterwegs. Ich bin rechts gefahren. Ich bin nicht sonderlich gerast, aber war ausreichend schnell, sodass man als

Autofahrer*in durchaus entspannt eine Weile hinter mir bleiben konnte. Ich habe gemerkt, dass ein Auto hinter mir ist, habe mich aber nicht bedrängt gefühlt. Die Straße ist so konstruiert, dass sie an einer Stelle enger wird. Dabei handelt es sich nur um einen minimalen Abschnitt der Straße. Kurz vor diesem Abschnitt habe ich das Auto hinter mir wahrgenommen. Während es nun gemütlich hinter mir her fuhr, solange die Straße ein Überholen möglich machte, schoss es genau dann sehr nah an mir vorbei, als wir zur „Engstelle“ kamen. Ich konnte es nicht fassen. Ich war kurzzeitig geschockt, denn der Abstand zwischen dem Wagen und mir war marginal. Ich empfand dieses Verhalten als eine Frechheit und fragte mich, was für ein ignoranter Typ das wohl war, der so rücksichtslos am engsten Punkt überholte. Als ich mich gefangen hatte, trat ich in die Pedale und nahm mir vor, den Wagen einzuholen und den Fahrer zur Rede zu stellen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich tatsächlich davon ausgegangen, dass es sich um einen männlichen Fahrer handeln muss.

Wie das Auto so an der nächsten Kreuzung warten musste, gab ich ordentlich Gas und wollte mich daneben stellen. Als ich fast auf gleicher Höhe war, bog es ab und musste an einer roten Amel die Fußgänger*innen passieren lassen. Das war meine Chance: Ich klopfte an die Scheibe der Fahrerseite. Es blickte mich ein gelangweiltes und genervtes Gesicht einer Frau an. Sie weigerte sich vehement, die Fensterscheibe runter zu lassen. Sie versuchte mich zu ignorieren, doch ich blieb hartnäckig stehen. Ich klopfte erneut an die Scheibe und machte ihr durch eine kurbelnde Handbewegung deutlich, dass sie sich gefälligst mit mir auseinanderzusetzen hat. Sie verdrehte die Augen, leierte die Scheibe nach unten und hörte mir nicht einmal zu. Sie schnitt mir jedes Wort ab. Mein Versuch, ihr klar zu machen, dass sie eindeutig zu nah an mir vorbei gefahren sei und ich mich erschrocken habe, prallte an ihr ab. Ich wollte sie fragen, was sie sich dabei gedacht hat. Ich wollte ihr klar machen, dass sie nicht allein auf dieser Straße ist und noch 3 Sekunden hätte warten können, um an einer breiteren Stelle zu überholen. Dazu kam ich nicht. Ich sprach wie ein Wasserfall, während sie mich grimmig ansah und gleichzeit nur folgenden Satz zweimal wiederholte: „Auch Radfahrer sind Teilnehmer im Straßenverkehr!“. Dann schaltete die Ampel auf grün und sie verschwand im Straßenverkehr. Ich stand wie angewurzelt mitten auf der Fahrbahn und wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Kopfschttelnde schwang ich mich auf mein Rad. Innerlich kochte ich. Mir stieg das Blut in den Kopf, aber es gab keinen Pol, um mich abzureagieren. Mehr als ein wiederholtes, sprachloses „Pff!“ konnte ich nicht von mir geben. Was wollte sie mir damit sagen? An welcher Stelle habe ich mich falsch verhalten? Was gibt ihr das Recht, mich als Verkehrsteilnehmerin beinah von der Straße zu drängen? Ja, ich bin berechtigterweise auf den Straßen unterwegs. Und ich habe mich regelkonform verhalten. Ich bin keine der Radfahrer*innen, die eine rote Ampel ignoriert, nur weil sie auf zwei Rädern unterwegs ist. Ich stehe in der Schlange an der Ampel nicht zwingend ganz vorn, nur weil ich der Meinung bin, ich kann mich durchzwängen, denn ich bin ja schmal. Ich achte auf Verkehrszeichen und ich warte lieber einmal länger, als dass ich unüberlegt drauf los fahre. Und sie schaut mir tief in die Augen und macht mir Vorwürfe. Weswegen? Ich habe tatsächlich keine Ahnung. Eine Woche ist vergangen und ich weiß nicht, was ich in ihren Augen falsch gemacht habe. Und das ärgert mich. Wie wäre ihre Version der Geschichte? Ist sie auch nach Hause gefahren und hat ihrem Mann erzählt, dass sie eine ignorante Radfahrerin vor sich im Straßenverkehr hatte? Würde ihr Mann nicken und sagen: „Gut, dass Du sie an einer so schmalen Stelle überholt hast!“

Es ist Wahnsinn, was wir uns täglich antun müssen. Wir Autofahrer*innen, die ihre Augen überall haben müssen, weil Verkehrsteilnehmer*innen auf zwei Rädern einfach so auftauchen und über rote Ampeln fahren, weil sie glauben, sie haben das Recht dazu.

Es ist Wahnsinn, was wir Radfahrer*innen immer wieder erleben, während wir ohne faradayschen Käfig schutzlos den Abgasen und Launen der Autofahrer*innen ausgesetzt sind.

Es ist Wahnsinn, was wir Fußgänger*innen ertragen müssen, während sich Radfahrer*innen auf unseren Wegen durchschlängeln, um rote Ampeln zu umgehen oder drängelnden Autos auszuweichen.

Es ist Wahnsinn, dass wir alle glauben, wir wären im Recht. Macht die Augen auf. Nehmt Rücksicht und seid wachsam. Für jeden einzelnen von uns, der draußen unterwegs ist.

What to do and where to go

Gestern hat uns mein Schwiegervater eine Nachricht geschickt und gesagt: „Wir sehen uns nächsten Monat!“ Da kam ich kurz ins Stocken. Nächsten Monat verreisen wir schon!! Ganz bald geht’s los. Ok ok, jetzt ist Anfang Oktober und wir starten Ende November, aber es liegt definitiv kein Monat mehr zwischen jetzt und unserem Abflug. Nächsten Monat geht’s los. Das musste ich mir noch eine Weile durch den Kopf gehen lassen und habe es bis jetzt noch nicht realisiert. Ich finde es immer wieder unglaublich, wie schnell dieses Jahr bisher vergangen ist. Im März haben wir angefangen diesen Trip zu planen. Seitdem freut sich die ganze chilenische Familie, dass wir kommen. Und nun fehlt nicht mehr viel und wir werden dort sein. Auf der anderen Seite des Atlantiks. Am Pazifik. Im Sommer. Uns bleiben also noch 8 Wochen, um Strumpfhosen und feste Schuhe anzuziehen. 8 Wochen, in denen wir das Gefühl bekommen, dass hier kein Sommer mehr ist. Ich genieße den Herbst im Moment sehr und merke, wie ich es brauche Tee zu kochen, zu stricken und mit der Decke auf dem Sofa eingekuschelt zu sitzen. Ich könnte jetzt nicht gleich mit dem Sommer fortfahren. Diese Pause tut mir gerade richtig gut. Und bevor es zu eklig und kalt wird, packen wir unsere Rucksäcke mit Badesachen und Sandalen und fliegen in unseren zweiten Hochsommer.

In einem vorherigen Beitrag habe ich bereits davon gesprochen, wie wir uns Stück für Stück auf diese Zeit vorbereiten und was uns dabei wichtig ist zu beachten. Jetzt ist wieder etwas mehr Zeit vergangen und die Pläne nehmen Form an. In allererster Linie hilft mir in so vielen Situationen eine gute Übersicht. Immer wieder fallen uns beiden Dinge ein, die wir bis dahin noch machen müssen. Dinge, die wir nicht vergessen dürfen. Kleinigkeiten, die wir auf dem Schirm behalten müssen, um gut vorbereitet und mit ruhigem Gewissen abreisen zu können. Um den Überblick nicht zu verlieren, fertigen wir in solchen Situationen To-Do-Listen an. Letzte Woche kamen wir auf diese Idee. Jedoch waren wir zu faul, um uns vom Sofa zu erheben. Demnach wollten wir es auf’s Wochenende verschieben. Realistisch betrachtet war uns jedoch klar, dass wir dieses Vorhaben bis dahin wieder vergessen würden. Aufgrund einiger schlafloser Nächte in letzter Zeit ist unsere Aufmerksamkeitsspanne eindeutig verkürzt. Bevor wir also eine To-Do-Liste schreiben, auf der einzig und allein steht, dass wir am Wochenende eine To-Do-Liste schreiben müssen, fassten wir kurzerhand wichtige Stichpunkte auf Papier zusammen und klebten diesen Zettel an den Wandkalender. So ein Vorgehen ermöglicht uns stückweises Abarbeiten und Abstreichen bereits erledigter Punkte. Ebenso können über die Zeit hinweg noch weitere Aufgaben hinzukommen. Für uns hat sich diese Methode bewehrt: wir haben unsere Hochzeitsplanung genauso in Angriff genommen und auch die letzten Schritte vor dem Umzug auf diese Art und Weise getacktet. In beiden Fällen ist uns nichts durch die Lappen gegangen, demnach werden wir wohl immer wieder darauf zurückgreifen!

Wie ich nun also in der Küche stehe und mein Blick auf den Wandkalender gehaftet ist, rutsche ich weg von der To-Do-Liste und überfliege die kommenden 8 Wochen, die bis zum Abflug an uns vorbeirauschen. Während der Oktober nur leicht gefüllt ist mit ein zwei Terminen hier und da, reiht sich im November ein Eintrag an den anderen:

Unbenannt 3

„Alles nichts Weltbewegendes“, sagt Ihr! „Besuch hier, Babyschwimmen da. Mal ein Markt, noch schnell zum Arzt und ab ins Flugzeug!“ Ihr habt ja Recht. Und doch sollte nichts davon hinten runter rutschen. Denn nebenbei ist es wichtig für ausreichend Produkte zu sorgen, die im online-Shop der Firma meines Mannes während unserer Abwesenheit verkauft werden können. Bis Weihnachten ist schließlich nicht mehr viel Zeit. Sonst ist er mit „Wild Pudu“ regelmäßig auf Märkten vertreten und nutzt folglich die hohe Kaufkraft der Menschen. In diesem Jahr ist er gezwungen, sich auf das digitale Zeitalter und die Lust der Bevölkerung, Geschenke online zu ordern, zu verlassen. Mit Hilfe eines Freundes werden diese zum Käufer geschickt. Und obwohl ihm das etwas mehr Stress bereitet, so nimmt er diesen Preis gern in Kauf. Denn die Aussicht auf einen Sommer in Chile und viel Zeit mit seiner Familie, rechtfertigt alle Abwesenheit.

Sobald wir also unsere Freundin wieder verabschiedet, Babyschwimmen abgeschlossen und den (einzigen) Weihnachtsbasar hinter uns gebracht haben, steigen wir in den Zug zum Flughafen und starten am 27.11.18 die große Reise: zweieinhalb Monate mit Baby in Chile.

Während wir in Santiago de Chile am 28.11.18 aus dem Flugzeug steigen und umgehend unsere Trekkingschuhe und Fließjacken gegen Sandalen und T-Shirts eintauschen, warten die Großeltern wie auf heißen Kohlen hinter der Absperrung. „Ein schöneres Geburtstagsgeschenk kann ich mir nicht vorstellen!“, sagte der Opa. Bereits jetzt sind die ersten 5 Wochen im Land ordentlich durchgetacktet. Opas Geburtstag hier, Tante Vales Geburtstag da. Einmal Feuerland und zurück. Theos erster Geburtstag, im Anschluss sofort Weihnachten und eine Hochzeit obendrauf, bis wir an Silvester das Jahr sonnig ausklingen lassen:

Dezember 2018

Mit dem Auto der Eltern möchten wir direkt in der ersten Woche nach unserer Ankunft in Rüchtung Süden fahren. Von Rengo aus startend kommen wir ein paar Stops später in Puerto Montt an und fliegen von dort aus nach Punta Arenas. Bereits Puerto Montt kennzeichnet den Beginn der chilenischen Seite Patagoniens, Punta Arenas als südlichste Stadt des Landes stellt quasi dessen Ende dar. Letztens lasen wir in einem Artikel, dass Punta Arenas genau genommen die Mitte des Landes darstellt. Weit bis in die Antarktis hinein reicht chilenisches Territorium, eine Reise dorthin ist jedoch eher schwierig.

OLYMPUS DIGITAL CAMERAEinigen von Euch ist die Region Punta Arenas sicherlich eher bekannt durch den Nationalpark „Torres del Paine“. Ich war im Jahr 2013 dort, als ich in Chile lebte. Heute hat sich dessen Besuch deutlich verändert. Man muss sich vorher anmelden, sozusagen seinen Aufenthalt reservieren. Und für den Fall, dass bereits zu viele Leute angemeldet sind, kommt man nicht rein. Ein solcher Hype wird um die zwei „Torres“ (dts.: Türme) gemacht, sodass ich mir vorstellen kann, dass man heute weniger gemütlich dort wandern gehen kann, als ich es damals erlebt habe. Mein Mann ist sehr daran interessiert dort auch mal zu sein. Die Landschaft ist beeindruckend, keine Frage. Jedoch ist Theo eindeutig zu klein, um diese Tour dieses Jahr anzugehen. Das heben wir uns also für später auf.

Vom Flughafen Punta Arenas aus mieten wir uns also ein Auto und fahren etwa 8 Stunden bis nach Ushuaia, die argentinische Seite Feuerlands. Mit dem Blick auf Pinguine gerichtet möchten wir dort insbesondere eher in einer einfachen Unterkunft unsere Zeit verbringen und die Natur auf uns wirken lassen. Der Gedanke, mehrere 100 EUR zu bezahlen, um zwischen Pinguinen auf deren Inselplatz spazieren zu gehen, widerstrebt uns vollkommen. Das Karte 1Geschäft mit den Attraktionen geht über den Rücken der pinguine hinweg, die sich sicherlich nicht immer darüber freuen, so viele Touren ertragen zu müssen. Nicht umsonst siedeln sie sich an Orten an, die eher zurückgezogen und kalt sind. Zurück in Punta Arenas nutzen wir ein paar Tage, um am „Cruz de Froward“, dem Ende des amerikanischen Kontinents, zu wandern oder auf den Spuren der ersten spanischen Siedler, die im Puerto del Hambre (dts.: Hafen des Hungers) aufgrund der kargen Vegetation jämmerlich verhungerten, zu reisen. Alles in allem haben wir ein Grundgerüst an Attraktionen geschaffen und die Unterkünfte gebucht. Was sich am Ende aus all dem entwickelt bleibt jedoch offen. Mit Blick auf das jüngste Mitglied unserer Familie kann ich sagen, dass er äußerst robust ist, sich an all unseren Aktivitäten erfreut und  viel mitmacht. Es ist jedoch schwierig zu prognostizieren, was in zwei Monaten ist. Vielleicht setzt ihm der Flug oder Klimawechsel. Vielleicht überfordern ihn die vielen vermeintlich fremden Menschen, die andere Sprache oder das Reisen an sich. Dann heißt es einen Gang zurück zu schrauben und den Plan abzuändern. Aber auch darauf sind wir vorbereitet und freuen uns auf das, was kommt.