Da sein.

Es sind ganz pragmatische Gründe, die mich nach Chile geführt haben. Ich habe Spanisch im Nebenfach studiert und wollte nach meinem Abschluß unbedingt an meinen Sprachfähigkeiten arbeiten. Ich wollte nicht direkt arbeiten, sondern erst einmal was anderes machen. Ich hatte Angst davor einfach allein zu reisen, also habe ich mich einer Organisation angeschlossen und bin als Freiwillige ins Ausland gegangen. Mein Traum war zu der Zeit im Bereich Streetwork zu arbeiten. Um diesem Traum ein Stück näher zu kommen, wollte ich ähnliche Projekte im Ausland ins Auge fassen und Erfahrungen sammeln. Ich suchte das Land also anhand der Projekte aus. Nur Brasilien kam nicht in Frage, ansonsten reizte mich ganz Lateinamerika. „Wieso nicht Spanien?“ Das Frewilligenprogramm schrieb vor, dass der Deutsche Bund meinen Flug bezahlt. Zur damaligen Zeit waren Flüg nach Spanien mega billig. Einmal einen Flug nach Lateinamerika bezahlen zu können war für mich undenkbar. Also nahm ich die chance wahr und wollte weit weg. Meine Grenze finden wollte ich. Was anderes machen und auf mich gestellt sein. Mich ausprobieren in der Welt.1601_10201013988608578_1864481182_n

Ich habe mir diverse Projekte angeschaut. Anfangs wollte ich nach Mexiko, um mit ehemaligen Bandenkids zu arbeiten. Meine Freunde sahen mich schief an und meinten: „Such von uns aus Deine Grenze, aber geh nicht gleich auf’s Ganze!“ Ich kam ins Zweifeln. Kleinere Schritte also. Ich wollte keine Gastfamilie. Ich hatte bereits 7 Jahre in einer WG gelebt und wollte nicht zurück in einen familiären Haushalt mit anderen Regeln, als ich sie mir vielleicht auferlegen würde. Ich wollte mein Ding machen. Ich wollte Streetworkerin in Lateinamerika sein, in einer WG leben und Spanisch lernen. Nach ein paar Suchanläufen fand ich ein Projekt in Chile. Im Hintergrund stand, dass man bereits eine Ausbildung im sozialen Bereich absolviert haben sollte. Das passte perfekt. Ich bekam finanzielle Unterstützung, um einen eigenen Haushalt zu führen und reiste nach intensiver Vorbereitung am 1. September 2012 aus. Ich flog mit zwei anderen Mitfreiwilligen von Frankfurt aus. Wir lebten alle in der gleichen Stadt, jedoch war uns von Anfang an wichtig, dass jeder sein Leben lebt. Wir wollten spanisch lernen, Anschluß finden und nicht nur unter Deutschen sein. In Valparaiso, unserer neuen Heimat, angekommen, trennten sich unsere Wege. Jeder ging in seine vorab organisierte Wohnung. Uns verband eine Frau, die uns als Mentorin zugeteilt worden war. Mit ihr trafen wir uns im Laufe des Jahres zu viert und tauschten uns aus.

Nun ist es 6 Jahre her, dass ich nach Valparaiso gezogen bin. Während diese damalige Ausreise für mich eine Erfahrung darstellen sollte, ist sie heute für mich Teil meines Lebens. Ich habe Familie dort. Ich habe viele Erinnerungen dort gelassen. Ich habe dort Freunde gefunden und meinen Mann kennengelernt. Ich habe ein Stück meines Herzens in Chile gelassen und kann immer wieder zurück gehen, um es zu füttern.

537223_10200639125237228_1631449014_nMorgen, nach knapp drei Jahren, mache ich mich wieder auf den Weg. Seit Wochen befinde ich mich in einer Wartehaltung. Warten darauf, dass es endlich losgeht. Dass wir voll bepackt in die Tram zum Bahnhof steigen. Dass der Flieger abhebt und wir endgültig nicht mehr spekulieren müssen, wie der Kleine das Fliegen findet. Wir erleben es in dem Moment. Doch wenn ich ehrlich bin, warten wir nur auf eins: Aussteigen, Ankommen, Umarmen, da sein. Einfach da sein. Im Sommer, in Chile, bei der Familie. Ich erinnere mich an dieses Gefühl, als wir das letzte Mal am Flughafen in den Bus zur Familie stiegen. Diese Fahrt weckte so viele Erinnerungen. Diese Landschaft ließ mich wieder zurück blicken. Drei Jahre, seitdem wir das letzte Mal dort waren. Wir haben viel erlebt in der Zeit: zwei Menschen sind gegangen, einer ist gekommen. Es wurde geheiratet und gefeiert. Wir haben gelacht und geweint. Wir haben viel Zeit zusammen und auch einige Zeit getrennt voneinander verbracht. Es sind neue Freunde hinzu gekommen und alte haben wir ziehen lassen.

Nun, wieder drei Jahre später, wird es anders werden. Wir steigen nicht in den Bus, wir werden abgeholt. Wir reisen nicht zu zweit, sondern zu dritt. Wir bringen mehr mit, haben uns anders vorbereitet. Wir werden reisen. Wir haben viel Zeit im Gepäck, mehr als jemals zuvor. Und doch bleibt eines am Ende gleich: das Gefühl beim Verlassen des Fugzeugs. Da sein. In Chile.

Was ist da los?

Der Sommer ist vorbei und damit auch die Möglichkeit, sich im Park oder am See auf die Wiese zu setzen und das warme Wetter zu genießen. Auch wenn der Boden noch keinen Frost erlebt hat, so ist es doch insbesondere für Babies nicht ratsam, sie lang auf dem Boden liegen oder sitzen zu lassen. Da unser Wurm noch nicht auf zwei Beinen unterwegs ist, sondern kraftvoll über den Boden robbt, fällt ein Besuch im Park außerhalb des Wagens einfach flach. Um jedoch nicht ausschließlich in den eigenen vier Wänden zu verweilen, befürworte ich die Option, Cafés wahrzunehmen, die auch eine Ecke für die Kids eingeplant haben. Hier muss ich nicht meine Woohnung aufräumen, nachdem 3 Kinder ihre Spuren hinterlassen haben. Ich kümmere mich einfach darum die Spielsachen wieder zu verstauen und lasse meine Tasse jemand anderen abwaschen.

In Potsdam gab es bei uns in der Straße ein Café, welches bezogen auf die Größe des Ladens richtig viel Platz für die Kleinen eingeräumt hat. Das Ergebnis war, dass man insbesondere am Wochenende – vor allem wenn es draußen nass und/oder kalt war – mit mehr Lärm und Trubel im Geschäft rechnen musste. Ein Buch lesen und gemütlich den Kaffee dzu zu trinken war beinah nicht möglich. Unglaublich viele Familien waren anwesend. Kinder jede Alters stolperten durch das Café, spielten in allen Ecken und die Eltern genossen die Zeit dort sehr. Was mir daran nicht so gut gefallen hat, war, dass die Kids oftmals quer durch den Laden krabbelten und die Eltern sie einfach machen ließen. Als Kellner*in benötigte man Fingerspitzengefühl im Umgang mit dem Tablett, denn gleichzeitig der Blick zum Fußboden musste sitzen. Mein Mann hat eine zeitlang dort gearbeitet und ärgerte sich darüber, wenn die Kinder ihm zwischen den Füßen rumkrochen. Ich finde, es ist ein Luxus, wenn ich mein Kind außerhalb meiner eigenen vier Wände ablegen und gleichzeitig einen Kaffee genießen kann. Jedoch bin ich der Meinung, dass ich nach wie vor die Verantwortung trage und nicht einfach alle anderen jonglieren lasse. Seinen Ärger am Abend konnte ich gut nachvollziehen und somit hat er mich sensibilisiert, mehr darauf zu achten.

Ja, das Café war stets gut besucht – nun hat es leider geschlossen. In der Innenstadt Potsdams öffneten innerhalb des letzten Jahres noch zwei weitere Cafés. Sie bezeichneten sich selbst als „Eltern-Kind-Café“. Erst da habe ich diese Art des Konzeptes kennen und schätzen gelernt. Die Kombination aus selbst gebackenen Kuchen, optional dem Angebot zu frühstücken, einen Kaffee zu trinken und meine Kinder im geschützten Raum einer Spielecke beruhigt ablegen zu können, erschien mir als der Himmel auf Erden für alle Eltern. Klar, ohne Kind muss man sich nicht an sowas orientieren. Und während ich nun eindeutig schmerzfrei bin und den kleinen Mann überall ablegen würde, ohne mir da unnötig viele Gedanken zu machen, so finde ich es doch angenehmer, schlängelt er sich nicht zwischen tausend Füßen und Stühlen hindurch. Die beiden „Eltern-Kind-Cafés“ in Potsdam besaßen jeweils eine Spielecke und gern auch die Option, dass die Angestellten, sofern der Betrieb im Laden es zuließ, die Kinderbetreuung übernehmen. Letzteres ist mir nicht einmal wichtig. Aber die räumlich getrennte Spielecke von dem Bereich des regulären Café-Publikums ließ eine Vermischung nicht zu. Somit konnten die Mitarbeiter*innen entspannt den Blick an das Tablett haften und die Eltern ihre Kids machen lassen, sie beobachten oder mit in der Ecke sitzen und spielen. Ganz so, wie es ein jeder brauchte und wollte.

In Leipzig habe ich nun gelernt, wie luxuriös diese Art des Cafés tatsächlich ist. Während ich davon ausging, dass jede größere Stadt soetwas besitzt, wurde ich hier eines Besseren belehrt. Mehrere Male habe ich schon gesucht. Jedes Mal beim googlen bin ich auf ein Angebot gestoßen, habe mich gefreut, versucht mehr zu erfahren und bin am Ende enttäuscht darüber informiert worden, dass sie bereits geschlossen haben. Wie kann es sein, dass eine Stadt mit mehr als einer halben Million Einwohner*innen, einem unglaublichen Zuzug und einer enorm hohen Geburtenrate kein Angebot hat, wo sich Eltern entspannt zum Kaffee treffen können? Ist das Konzept nicht rentabel? Ich kann mir vorstellen, dass Muttis in Elternzeit stundenlang dort sitzen, an einem Kaffee schlürfen und den Platz für weitere Kundschaft und mehr Umsatz nicht frei machen. Ich kann mir vorstellen, dass dies ein Grund ist, warum sich spezielle Cafés für Familien nicht halten. Und doch finde ich es sehr schade. Jedes Mal, wenn ich einen Versuch starte, werde ich gnadenlos enttäuscht. Zuletzt an einem äußerst grauen und windigen Tag: ich wollte mich mit einer Freundin treffen. Sie schlug das Café vor, wir beide recherchierten. Es gab eine Seite bei Facebook. Eine Homepage noch dazu. Nirgends stand, dass es geschlossen wäre. Es sollte sogar Workshop-Angebote für Kids geben. Das klang für meine Freundin besonders spannend, denn sie hatte zwei Kinder und die Große war bereits 3. Als wir an der Adresse ankamen, standen wir vor einem Haus, welches derzeit komplett saniert wurde. Keine Bewohner*innen, kein Café, kein Schild mit einem Hinweis auf „Sorry, wir sind umgezogen/nicht mehr da/einfach verschwunden…“. Nix. Ein harter Schlag. Am Ende landeten wir im Theatercafé und machten den Laden voller Stühle und Menschen zu unserer Spielecke.

Was ist da los liebes Leipzig? Ich habe bisher ein einziges Café gefunden, welches für ein Verweilen mit kleinen Kindern geeignet ist. Jedoch sprechen die Preise gegen einen längeren Aufenthalt oder den Konsum mehrerer Angebote auf der Karte. Schade eigentlich. Und während wir hier in der Stadt echt happy sind, ist das ein großes Makel, welches mir bis heute nicht einleuchten will. Da bleibt nur noch „selber machen“, doch ist meinFrust noch nicht groß genug, als dass ich nun entscheiden würde, stolze Betreiberin eines „Eltern-Kind-Cafés“ zu werden. Lieber flüchte ich in 2 Wochen auf die sommerliche Südhalbkugel und umgehe das Krabbelalter im Herbst und Winter. Wenn wir zurück kommen, ist vielleicht schon ein aufrechter Spaziergang möglich.