Nimm Dir Zeit!

In den letzten Wochen hast Du viel Unruhe erlebt. In Deinem zukünftigen Kinderzimmer stapelten sich Kleidung und Mitbringsel. Eine Ansammlung von To-Do-Listen wurde in der Küche festgepinnt – ein Punkt nach dem anderen abgestrichen, andere wiederrum hinzugefügt. „Irgendwas passiert hier!“, magst Du Dir vielleicht gedacht haben. „Warum kann ich den Zettel nicht haben?“, hast Du Dich geärgert. Einordnen konntest Du das Geschehen mit Sicherheit nicht. Hast es so hingenommen, wie es war und genossen, wenn wir zu Hause gespielt haben oder Deine Freunde trafen.

Erinnerst Du Dich noch an unseren Umzug nach Leipzig? Die vielen Kisten, die leeren Schränke, etliche Personen, die rein und raus liefen und die Wohnung in Potsdam Stück für Stück leer räumten. Eingeschlafen bist Du, so aufregend war das alles. Und als Du aufgewacht bist, war plötzlich alles anders. Eine andere Wohnung, andere Stadt, ein anderes Umfeld. Wie mag es sich wohl dieses Mal für Dich angefühlt haben? Einschlafen, aufwachen und plötzlich sind es 30 Grad, anstatt 12, wie gestern noch. Plötzlich ist um Dich rum alles anders: andere Menschen, andere Sprache, anderer Geruch. Und die Leute aus dem Handy stehen auf einmal vor Dir, während die, die sonst öfter vor Dir standen, nun aus dem Handy heraus Dich anlächeln.

Wir haben uns etliche Gedanken gemacht, wie wir es Dir so angenehm wie möglich gestalten können. Keine Schmerzen bei Start und Landung, ausreichend Ruhe zum Schlafen finden, die vielen Eindrücke gut verarbeiten können. Uns blieben nur Spekulationen und das Schmieden von Plänen. Eine definitive Antwort blieb vorerst aus. Bis zum Tag der Abreise! Ein langer Weg lag vor uns: insgesamt 26,5 Stunden von unserer Haustür bis zum Verlassen des Flugzeugs. Und Du kleiner Mann musst mit, ohne zu verstehen warum das alles. Wie unfair ist es doch manchmal, dass Du Dich nicht ausdrücken kannst, nicht rufen kannst „STOPP! Ich will das nicht!“. Nicht fragen kannst „Was ist hier los? Wo fahren wir hin?“ Aber glaube mir, es kommt die Zeit, da hast Du diese Fähigkeiten, kannst Dich mitteilen, uns mit Worten wissen lassen, was Dich stört, Dich belastet und beschäftigt. Und auch wenn wir dann in Ruhe darüber sprechen können, so führt kein Weg daran vorbei: auch dann wirst Du mit uns diese lange Reise auf Dich nehmen. Denn Oma und Opa, Onkel und Tante und die Uroma wohnen weit weg. Auf der anderen Seite des Atlantiks. Du wirst es sicherlich verstehen, wirst vermutlich ausreichend abgelenkt von den vielen Trickfilmen im Flugzeug seelenruhig schlafen und Deinen chilenischen Verwandten beim Wiedersehen freudig in die Arme laufen. Nur jetzt noch nicht. Jetzt ist alles komisch und Du brauchst Zeit, Dich daran zu gewöhnen. Wir geben Dir diese Zeit und sind bis dahin an Deiner Seite. Geben Dir Halt und nehmen Dich ernst. Mach Dir keine Gedanken, wir sind für Dich da.img-20181127-wa0009530032146.jpg

Mich persönlich hat gefreut, dass wir lange Wartezeiten auf der ganzen Reise umgehen konnten. Präferenz hier, bevorzugte Behandlung da. Für Familien wird versucht, alles so unkompliziert und angenehm wie möglich zu gestalten. Als erstes ins Flugzeug einsteigen. Ein Babybett, welches man in die Wand vor sich einhaken kann. Eine separate Warteschlange beim Kontrollieren der Pässe und Durchleuchten der Koffer. All das hat uns viel Zeit erspart und das dünne Nervenkostüm entlastet. Und auch wenn wir im Endeffekt weniger Zeit mit administrativen Dingen verbrachten, als andere Passagiere, so wurde die Zeit irgendwann lang. Raus wolltest Du. Das Bett ist nicht besonders groß, angeschnallt musstest Du auch sein. An Umdrehen war dabei nicht zu denken. Komplett übermüdet bist Du irgendwann eingechlafen und wir mit Dir. Von 14 Stunden direktem Flug haben wir insgesamt etwa an die 6 Stunden die Augen geschllossen. Kein Passagier drumherum hat sich beschwert. Du hast alle angestrahlt, wenig geweint und genügsam die Situation ertragen, wie sie war. Wir waren bei Dir, alles andere schien erstmal nicht bedenkenswert – in den meisten Fällen.

Angekommen in der Wärme fielen wir der Familie in die Arme, ein lang ersehntes Wiedersehen untermalt mit Tränen der Freude. Laut und wuselig wurde es um Dich herum. Unruhe, die Dich nicht entspannen ließ. Nicht mehr als eine Stunde hast Du den Tag über geschlafen und bist buchstäblich umgefallen, als es an den Nachtschlaf ging. 4 Stunden Zeitdifferenz. So lang hast Du durchgehalten, um am Morgen 4:30 Uhr mit glühendem Kopf aufzuwachen. 38,9°! Fieber. Die lange Reise hinterließ Spuren. Auch in der zweiten Nacht hast Du Fieber, schläfst jedoch lang am nächsten Morgen. Holst nach, was Dir gefehlt hat und wir mit Dir. Stück für Stück gewöhnst Du Dich an das neue Umfeld und erkundest die vielen Spielsachen, die hier für Dich gesammelt wurden. Nur die vielen unbekannten Menschen, die darauf warteten, dich endlich kennenzulernen, die freudig strahlend auf Dich zukommen, Dich streicheln und umarmen wollen, die kannst Du noch nicht einordnen. Zu viel ist es Dir oftmals. Du lehnst den Kopf auf meine Schulter, versteckst Dein Gesicht in meinem T-Shirt und verziehst das Gesicht. Es ist ok, nimm Dir Zeit. Gewöhn Dich an alles in Deinem Tempo. Du wirst noch viele Leute treffen, die sich auf Dich freuen. Und sie alle verstehen, dass Du Zeit brauchst. Du bekommst sie, jeden Tag auf’s Neue!