Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit

Wir sind auf der Ruta 5 unterwegs, der größten Autobahn des Landes. Sie durchstreift Chile einmal von Nord nach Süd bis zum Beginn von Patagonien. Als Beifahrerin lasse ich die Landschaft an mir vorbei streichen und erinnere mich an vielen kleine Dinge, die einmal so normal in mein Alltag waren.

So begegnen wir beispielsweise Autos, die frei Schnauze beladen und bis oben hin voll bepackt sind. Keine großartigen Kisten, die alles sicher verstauen, sondern einfach so. Wir überholen Busse der Firma Turbus – eine der bekanntesten Agenturen für Busreisen des Landes. Ich kann mir kein bequemeres Reisen vorstellen, kein Flixbus kann da mithalten. Wir halten an Raststätten, die saubere Toiletten haben, auch ohne dass wir ein paar Münzen einwerfen, eine Schranke passieren und am Ende etwas einkaufen müssen, um anstatt 70 Cent nur 20 Cent zu zahlen.

Wir passieren eine Abfahrt nach der anderen, teilweise mit kleinen Bushaltestellen für die Pendler. Sofern es kein Häuschen gibt, stehen die Reisenden unter Brücken im Schatten oder direkt in der Sonne am Straßenrand und warten auf den Bus.

Ich blicke auf Schüler*innen in ihren Uniformen, streunende Hunde und auch schmutzige Straßenzüge. Ich erfreue mich an energievollen Unterhaltungen, Musik in den öffentlichen Verkehrsmitteln und zwei Frauen, die bei einem Sitz-Konzert ganz selbstverständlich in der ersten Reihe zur Musik tanzen.

Latinoamerika, so kenne ich Dich. So liebe ich Dich.

Nach einem ersten Verschnaufen bei den Großeltern und etwas Schnupfen für den Kleinen und mich selbst, starten wir nun unseren ersten Urlaub in Richtung Punta Arenas und Ushuaia. Mit dem Auto lassen wir den ersten Teil bis Puerto Montt hinter uns, dann geht’s weiter im Flugzeug nach Punta Arenas und von dort aus mit dem Auto bis Ushuaia (Argentinien). Die mehreren tausend Kilometer, die wir insgesamt bestreiten, teilen wir in zwei Wochen auf. Bis dann wollen wir zurück sein und Theos ersten Geburtstag feiern. Schon jetzt zeichnet sich ab, dass dieses Datum einige Veränderung mit sich bringt. Der Schlaf am Vormittag brachte in letzter Zeit nur Kampf mit sich. Mit Händen und Füßen, mit all seiner Kraft hat er sich gegen den Schlaf gewehrt. Zu spannend sind draußen im Garten die Hunde und Verwandten, alle Geräusche und Gerüche, alle Geschmäcker und Gespräche. Nach dem dritten Tag mit schmerzenden Handgelenken kam ich an meine Grenze. Wir mussten etwas ändern: kein Vormittagsschläfchen mehr. Wohin führt uns das? Es besteht ein Risiko, dass er quengelig in schlecht gelaunt die Zeit verbringt, doch das mussten wir ausprobieren. Uns ich kann sagen, bis jetzt bringt diese Neuerung einen langen und ausgiebigen Mittagsschlaf mit sich. So auch jetzt im Auto, wodurch wir gut vorankommen.

Ein Jahr alt zu sein bedeutet auch, dass er kein Baby mehr ist. Er wird zum Kleinkind. Jeder Schritt, den er neuerdings an der Hand gestützt macht, belegt genau diese Entwicklungsstufe. Mit ein wenig Wehleid und auch Stolz begleite ich diese Schritte. Wir können zukünftig auf Spielplätze oder im Wald auf Erkundungstour gehen. Wir können auf Bäume klettern und ich kann Dir die Welt zu Fuß zeigen. Es heißt aber auch, dass wir ab jetzt ganz genau aufpassen müssen, wohin Du gehst. Aufpassen, wonach Du greifst, was Dich interessiert und wen Du anlächelst. Damit sind die Zeiten vorbei, in denen Du stillschweigend in der Ecke gespielt hast und dort liegen bleibst, wo ich Dich abgelegt habe. Und so sehr diese neue Entwicklung auch zur Herausforderung wird, so sehr freue ich mich genau auf diese Zeit mit Dir. Jede Etappe bringt ihren Charme mit sich. So auch diese: auf wackeligen Beinen stolperst Du voran, mit einem breiten Lächeln im Gesicht und hoch erhobenen hand zum Gruß an die vorbei ziehenden Gestalten. So freundlich und neugierig bist Du, behalte das bei. Es steht Dir gut.

In Pitrufquén angekommen machen wir Pause. Eine Nacht bleibt uns, 600km liegen hinter uns. Wie im Flug sind sie vergangen und Du hast auch diesen Weg kaum meckernd mit uns bestritten. Ich freue mich, dass der Grundsatz „Lebe Dein Leben und nimm Dein Kind mit“ an dieser Stelle aufgeht. Nun ruh Dich aus, morgen gibt es wieder viel Neues zu entdecken.