Man lernt nie aus: alles auf Anfang!

Wir sind beide schon einige Male gereist, sowohl zusammen, als auch getrennt voneinander, bevor wir uns kannten. Man könnte meinen, dass wir erfahren sind im Packen von Koffern, Verstauen von Dingen und Entscheiden, was wohin kommen soll. Diese Reise hat uns eines Besseren belehrt. Es war an der Zeit, Abschied von ein paar Dingen zu nehmen, die uns auf der Reise abhanden gekommen sind. Die einen fahrlässig, andere unfreiwillig und doch alle mir ihrer ganz eigenen Geschichte. Aber eins nach dem anderen.

Wir haben diese Fahrt lange Zeit geplant: von den Eltern in Rengo ausgehend mit dem Auto in 2 Tagen bis nach Ensenada zu einem Freund, dann mit dem Flugzeug nach Punta Arenas und anschließend innerhalb von 2 Tagen bis nach Ushuaia, Argentinien. Kurze Zeit später das ganze zurück bis Punta Arenas, dort ein paar Tage bleiben und schlussendlich den ganzen Weg zurück bis nach Rengo. Mehrere tausend Kilometer müssen wir dabei hinter uns lassen und das alles in der Ungewissheit, wie Theo unseren Plan finden wird. Bisher hatte er kein Problem mit uns im Auto zu fahren, also mussten wir es einfach versuchen. Wir haben uns vorab die Köpfe zerbrochen, ob das zu viel ist, ob er das mitmacht oder ob wir lieber einen anderen Plan verfolgen sollten. Doch alles Spekulieren half nix, wir wollten es versuchen. Schließlich lernen wir so von- und miteinander als Familie. Im schlimmsten Fall würden wir einfach ewig brauchen, da wir etliche Pausen einlegen. Sobald wir losgefahren sind, gäbe es kein Zurück mehr. Denn die Eckdaten der Reise waren geplant. Und auch wenn man unterwegs nach Ushuaia feststellt, dass er das nicht mitmacht, so liegen entweder kilometerweit Pampa vor oder hinter uns, bis wir etwas anderes zu sehen bekommen.

Unser erster Stopp führte uns nach Pitrufquén, ein kleiner

Ort ähnlich anderer touristischer Städte. Dort führt ein Fluss hindurch, welchen wir am selben Abend noch besuchten. Lange Zeit saßen wir im Auto und wir wollten uns einfach ein wenig die Beine vertreten. Theo schlief in der Trage an meinem Rücken befestigt friedlich vor sich hin. Aufregend und lang war diese erste Etappe und doch hat alles super gut geklappt. Nach der Nacht in der Hütte fuhren wir weiter bis zum Lago Llanquihue. Ich habe in den letzten Wochen ein Buch über die deutschen Einwanderer in Chile im 18. Jahrhundert gelesen. Da war dieser See der Dreh- und Angelpunkt der sich aufbauenden Kolonie. Es war irgendwie aufregend dort entlang zu fahren, auch wenn ich weiß, dass die meisten Personen des Romans frei erfundene Charakterer sind. So sind jedoch die Eckdaten, die Schwierigkeiten, die ihnen am Anfang begegnet sind, auf Basis realer Ereignisse geschildert. Und diese Bilder liefen immer wieder vor meinem inneren Auge ab, als wir am See ankamen. Der Weg dahin war etwas beschwerlich. Wir wollten nach Ensenada, um bei einem Freund von Sergio ein paar Tage zu bleiben. Wir sind am Tag zuvor extra weit

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Blick auf den Osorno vom Grunstück aus

gefahren, damit wir am nächsten Tag nur ein vergleichsweise kurzes Stück Weg hinter uns bringen müssen. Jedoch gab es auf der Autobahn einen riesigen Unfall, der eine fette Umleitung über Schotterstraßen mit vor sich hinschleichenden LKW’s zur Folge hatte. Anschließend wurde der Weg nach Enseanda gesperrt, da sie an einer Brücke arbeiteten und anstatt eine Ausweichmöglichkeit zu schaffen lieber gleich beide Richtungen in einem Abwasch neu machen. Ein Hinweisschild, dass die Brücke nicht befahrbar ist, gab es auch nicht wirklich. Eine Umleitung sschon gar nicht. Und so irrten wir eine Weile durch die Landschaft, den Blick fest auf die Tankanzeige geheftet, die bereits bedrohlich zu blinken begann. Berg rauf, Berg runter – so schnell sich die Höhenunterschiede ändert, so rasant sank der Tankfüllstand. Bis wir letztendlich bei der Prognose von Sprit für noch 10 verbleibende Kilometer ankamen. Wir blieben stehen. Am Berg. Google Maps verriet uns, dass es in 6km eine Tankstelle geben soll. Also los, ein Versuch war es wert. Was hätten wir dort stehen sollen? Die Tankstelle in 6km sollte in Ensenada sein, also hätten wir dann wenigstens unser Ziel erreicht und würden nicht irgendwo im nirgendwo rumstehen. Auto an, Gang rein, Losfahren. Der Tankfüllstand sank nun schneller, als es vorher der Fall war. Und so zeigte uns das Auto innerhalb weniger Minuten an, dass wir kein Benzin mehr hatten. Nix. Und wir rollten weiter den Berg runter und fuhren den nächsten Hügel wieder hinauf. Serpentine für Serpentine. Mindestens 10 Minuten kurvten wir um den Lago Llanquihue herum, obwohl wir kein Benzin mehr hatten. Ortseingangsschild Ensenada. Tankstelle. Ein Glück. Niemals zuvor sind wir mit leerem Tank gefahren. Die beiden Straßensperrungen haben unsere Anreise beim Freund eindeutig spannend gemacht. Und am Ende wurden wir mit einem spektakulären Blick auf den Vulkan Osorno belohnt. Wir blieben 2 Nächte bei ihm, waren gemeinsam wandern, haben gekocht und geschwatzt. Von ihm aus sind wir zum Flughafen gefahren und erlebten eine große Überraschung.

Vorab in Rengo kauften wir eine Gasflasche für den Campingkocher. Diese packten wir in den Koffer, um ihn beim Check-in aufzugeben. Am Flughafen angekommen gaben wir unser Gepäck auf und waren gerade dabei in Richtung Gate zu gehen, da wurde mein Name aufgerufen. Ich solle bitte zurück kommen und meinen Rucksack öffnen. Die Gasflasche darf nicht mit. Das war uns neu. Beschämt verließen wir den Bereich, froh, dass wir diesen Aufruf gehört haben, sonst hätten sie mein Gepäck aus dem Verkehr gezogen und vernichtet. Und während wir uns bei der Anreise in Chile Gedanken gemacht haben, die Kleidung von allen drei auf beide Rucksäcke zu verteilen, so wären in dem Fall Theo und ich ohne Kleidung geblieben. Alle Sachen von Sergio waren in seinem Rucksack. Bei der Kontrolle des Handgepäcks die nächste – naj , eine Überraschung war es nicht. Einfach eine Dummheit. „Bitte öffnen Sie ihren Koffer!“, sagte die Frau am Laufband. „Haben Sie Messer dabei?“ In der Eile beim Einpacken verstaute Sergio unser Besteck im Handgepäck. Während wir also die Gabeln mitnehmen durften, wurden uns die Messer entzogen. Ärgerlich das ganze und wirklich einfach nur dämlich. Aber gut, passiert. Uns ist einfach bewusst geworden, dass wir beide unglaublich aufmerksam sind, dass wir ausreichend Dinge für den kleinen Mann dabei haben. Dabei sind wir zwei einfach hinten runter gefallen. Und somit verließen uns bis zu diesem Teil der Reise ein paar Liter Benzin, eine Propangas-Flasche und zwei Steakmesser. Auf Wiedersehen!

Beim Gang zum Gate erschien auf der Anzeige der Hinweis, dass unser Flug eine Stunde Verspätung hat. Unsere Weiterreise mit dem Mietwagen an dem Abend verzögerte sich also. Wir kamen somit nach 19Uhr in Punta Arenas an und mussten noch mindestens zweieinhalb Stunden bis San Gregorio fahren. Wir wollten den langen Weg bis nach Ushuaia ein wenig abkürzen und buchten eine Nacht in einem Hostel im Nirgendwo.

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hinter unserem Haus in Ushuaia

Zwischen Punta Arenas und San Gregorio ist nichts. Und danach auch lange nichts, außer die Fähre über die Magellanstraße. Und dann gähnende Leere. Und der Grenzübergang. Bis Ushuaia brauchten wir mindestens 6 Stunden von San Gregorio aus. Im Landeanflug von Punta Arenas wurde klar, dass der Kapitän bewusst etwas von 80km/h Windgeschwindigkeit erzählte. Die gingen nicht spurlos am Flugzeug vorüber. Hin und her wackelte der Blechvogel und erschwerte die Landung damit deutlich. Und das noch nicht genug: das Bodenpersonal konnte die Koffer nicht ausladen. Die Klappe des Flugzeugs ließ sich nicht öffnen, zu windig war es draußen. Sie musste das Flugzeug umparken und so warteten wir eine Stunde, bis endlich unsere Koffer entladen werden konnten. Während der Zeit stand Arturo vor dem abgesperrten Bereich und wartete darauf, uns den Mietwagen zu übergeben. Sergio ging also bereits vor die Tür und wollte den Papierkram mit ihm erledigen. Und wie Arturo bewusst wurde, dass wir am selben Abend noch in Richtung Argentinien aufbrechen, gestand er, den Passierschein fürs Ausland im Büro vergessen zu haben. Er wollte uns diesen morgen geben, meinte er. Nachdem er sich rasant verabschiedete, um das Dokument im Büro zu holen, wurden unsere Koffer entladen. Und so standen wir in der Wartehalle des Flughafens und hofften, dass er bald zurückkäme. Es war bereits neun Uhr abends, als wir unter erschwerten, stürmischen Bedigungen das Auto beluden und gen San Gregorio aufbrachen. Mit dem Lenkrad fest in der Hand wussten wir nur, dass wir etwa 23:30 Uhr ankommen würde, niemand mehr wach sein wird, um uns in Empfang zu nehmen und unswere Hütte die Nummer 4 besitzt und ein blaues Dach hat. Großartig. Finde ein blaues Dach um 23:30 Uhr in der Nacht, haben wir uns gedacht. Stockfinster wird es sein. Doch da haben wir uns geirrt. Wir befanden uns so weit im Süden, dass es bis 23:00 Uhr taghell war. Die windige Autofahrt war demnach nicht zappenduster. Immerhin was. Angekommen in der Hütte 4 mit dem blauen Dach genossen wir unsere Erdnüsse, die uns als Abendbrot dienten und fielen anschließend ins Bett.

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vollkommen fasziniert von allen Tieren

Spät erwacht am nächsten Morgen frühstückten wir schnell und fuhren sofort weiter. Nach wie vor war es windig, wodurch die Fahrt über die Magellenstraße ziemlich schwankend verlief. Anschließend setzten wir unseren Weg fort durch das Nichts. Vorbei an lamaähnlichen Tieren, durch hügelige Landschaften und mit einem großen Nichts hinter der Frontscheibe. Eine trostlose Landschaft, die gleichzeitig unglaublich schön war. Uns begegneten Radfahrer, vor denen wir den Hut zogen. Wir überholten viele LKW ’s und nahmen schlussendlich einen Tramper vor der argentinischen Grenze mit. Cristian. Er wolle weg aus Buenos Aires. Da ist es ihm langsam zu gefährlich, erklärte er uns. In Rio Grande wohnt seine Schwester, da will er Arbeit suchen, meinte er zu uns. Wir passierten also gemeinsam die Grenze, oftmals schweigend, denn viel zu erzählen hatte Cristian nicht. Das fanden wir etwas schade, jedoch stellte sich am Ende heraus, dass das Eis einfach noch gebrochen werden musste. Uns fehlte eine gemeinsame Geschichte, die das erzählen lohnt. Doch auch diese ließ nicht lange auf sich warten: hinter der argentinischen Grenze fiel uns ein (wir hatten schließlich aus früheren Situationen gelernt), dass wir unbedingt tanken müssen. Die Tankstelle, die wir auf chilenischer Seite anfuhren, hatte kein Benzin mehr. Wir nahmen also die kleine Tankstelle direkt am Grenzübergang und fühlten uns auf der sicheren Seite. Wie der Mann nach und nach Benzin reinlaufen ließ, fragte ihn Sergio, ob man mit Karte zahlen könne. „Nein!“, meinte dieser. „Ok Stopp, wir haben keine Argentinischen Peso!“, sagte Sergio schnell und er ließ weiter laufen. „Stopp, habe ich gesagt“, schallte es lauter von draußen ins Auto. Doch nichts tat sich. „Hallo, hören Sie? Wir haben kein Geld dabei. Hören Sie auf in das Auto zu tanken!“, wurde er deutlicher und der Mann hörte auf. Ich weiß nicht mehr wieviel er tankte, doch er wollte uns nicht fahren lassen. Wir saßen fest. Am Grenzübergang war Geldwechsel nicht möglich. Niemand konnte uns helfen. Unser Begleiter Cristian hatet zu wenig Geld dabei. „Lass uns verhandeln“, sagte er zu Sergio. Und so stapften die beiden zum Tankstellenwart und verhandelten. „Auf dem Rückweg zahlen wir die Differenz“, war die Abmachung. Dabei handelte es sich um keine 5 Euro. Und wir konnten losfahren. An dieser Stelle spare ich mir zu erklären, warum wir am Ende nicht zurück gefahren sind, um die Differenz zu zahlen.

Nach dieser Geschichte verband uns mit Cristian etwas. Die Gespräche kamen Stück für Stück ins Rollen und er berichtete mehr von sich und seiner Lebenswelt. Wir setzten ihn in Rio Grande bei seiner Schwester ab, zahlten unsere Schulden zurück und düsten so schnell wie möglich in Richtung Ushuaia. Zu lange waren wir schon unterwegs, wir wollten einfach nur noch ankommen. Wir genossen dort ein paar ruhige Tage, ohne das Auto auch nur einmal zu betreten. Wir sparten uns das Geld uns in überfüllte, überteuerte Touren zu Pinguinen zu quetschen. Wir waren einfach nur als Familie dort und ließen die Stadt auf uns wirken. Bis wir schließlich wieder zurück fuhren, das Licht am Auto anließen und sich die Batterie entlud. Was blieb uns eigentlich noch nicht erspart auf dieser Reise?

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Wir sind beide über 30, haben etliche Länder dieser Welt besucht, diverse Typen Autos gefahren und trotzdem huschen wir von einer Dummheit in die nächste. Ich bekam langsam den Eindruck, dass Reisen mit Kind noch einmal alles auf Anfang setzt. Als wäre das die erste Reise. So haben wir uns jedenfalls gefühlt. Schusselfehler, Dummheiten und peinliche Details. Wir greifen uns an den Kopf, lachen darüber und sind froh, dass alles gut gegangen ist. Wir sind immer ruhig geblieben, haben einen kühlen Kopf bewahrt und sind aus jeder einzelnen Situation entspannt raus gegangen. Nach diesen zwei Wochen reisen ist uns nun klar, dass Theo das ganz gut verträgt, wir ein gutes Gespür für ihn haben und ausreichend Stopps einlegen, damit wir uns alle die Beine vertreten und Abstand vom Auto gewinnen können. Man merkte, dass der kleine Mann sofort aufgeregt wurde und sich bewegen wollte, sobald er den Kindersitz verlassen hat. Er erträgt das angeschnallt sein meist ohne Gemecker. Sobald er frei ist, zeigt er, dass er die Bewegung genießt. Er freut sich über jede Kleinigkeit, strampelt mit den Beinen hin und her und watschelt aufgeregt zu jeder Kleinigkeit, die ihm über den Weg läuft. Nun sind wir wieder bei den Eltern in Rengo, bereiten uns auf den ersten Geburtstag, Weihnachten, eine Hochzeit und die Neujahrsfeier vor. Klingt spannend? Ich werde berichten.