der ganz normale Wahnsinn..

Mein Blog nennt sich „Wahnsinnsfamilie“. Warum? Weil ich über den ganz normalen Wahnsinn (m)einer Familie schreibe. Dazu zählen nicht ausschließlich Themen, die unser neuestes Familienmitglied betreffen, sondern auch Themen, die nur mich etwas angehen. So zum Beispiel der Wahnsinn auf den Straßen, der sich tagtäglich zwischen Rad- und Autofahrer*innen abspielt.

Ich bin hauptächlich mit dem Rad unterwegs, da wir bisher kein Auto besitzen. Jedoch weiß ich dadurch, wie entscheidend ein Blick über die Schulter ist. Wie wichtig es ist, nochmal genau hinzusehen, bevor ich abbiege. Ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn ein Auto hinter Dir drängelt, weil Du einfach nicht schnell genug bist. Ich weiß, dass manche Menschen nervös werden und lieber auf dem Fußweg fahren, wodurch der Wahnsinns-Kreislauf um eine Instanz erweitert werden kann: Füßgänger*innen. Ich weiß auch, wie nervig es sein kann, wenn ein Rad vor Dir schleicht oder einfach so um die Ecke geschossen kommt, ohne nach Dir Ausschau zu halten. All dieses Wissen, welches mich im Straßenverkehr bewegt, lässt mich nach wie vor erstaunen, was letzte Woche eigentlich im Kopf der Autofahrerin hinter mir vor sich ging.

Ich war mit dem Rad in einer Nebenstraße unterwegs. Ich bin rechts gefahren. Ich bin nicht sonderlich gerast, aber war ausreichend schnell, sodass man als

Autofahrer*in durchaus entspannt eine Weile hinter mir bleiben konnte. Ich habe gemerkt, dass ein Auto hinter mir ist, habe mich aber nicht bedrängt gefühlt. Die Straße ist so konstruiert, dass sie an einer Stelle enger wird. Dabei handelt es sich nur um einen minimalen Abschnitt der Straße. Kurz vor diesem Abschnitt habe ich das Auto hinter mir wahrgenommen. Während es nun gemütlich hinter mir her fuhr, solange die Straße ein Überholen möglich machte, schoss es genau dann sehr nah an mir vorbei, als wir zur „Engstelle“ kamen. Ich konnte es nicht fassen. Ich war kurzzeitig geschockt, denn der Abstand zwischen dem Wagen und mir war marginal. Ich empfand dieses Verhalten als eine Frechheit und fragte mich, was für ein ignoranter Typ das wohl war, der so rücksichtslos am engsten Punkt überholte. Als ich mich gefangen hatte, trat ich in die Pedale und nahm mir vor, den Wagen einzuholen und den Fahrer zur Rede zu stellen. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, bin ich tatsächlich davon ausgegangen, dass es sich um einen männlichen Fahrer handeln muss.

Wie das Auto so an der nächsten Kreuzung warten musste, gab ich ordentlich Gas und wollte mich daneben stellen. Als ich fast auf gleicher Höhe war, bog es ab und musste an einer roten Amel die Fußgänger*innen passieren lassen. Das war meine Chance: Ich klopfte an die Scheibe der Fahrerseite. Es blickte mich ein gelangweiltes und genervtes Gesicht einer Frau an. Sie weigerte sich vehement, die Fensterscheibe runter zu lassen. Sie versuchte mich zu ignorieren, doch ich blieb hartnäckig stehen. Ich klopfte erneut an die Scheibe und machte ihr durch eine kurbelnde Handbewegung deutlich, dass sie sich gefälligst mit mir auseinanderzusetzen hat. Sie verdrehte die Augen, leierte die Scheibe nach unten und hörte mir nicht einmal zu. Sie schnitt mir jedes Wort ab. Mein Versuch, ihr klar zu machen, dass sie eindeutig zu nah an mir vorbei gefahren sei und ich mich erschrocken habe, prallte an ihr ab. Ich wollte sie fragen, was sie sich dabei gedacht hat. Ich wollte ihr klar machen, dass sie nicht allein auf dieser Straße ist und noch 3 Sekunden hätte warten können, um an einer breiteren Stelle zu überholen. Dazu kam ich nicht. Ich sprach wie ein Wasserfall, während sie mich grimmig ansah und gleichzeit nur folgenden Satz zweimal wiederholte: „Auch Radfahrer sind Teilnehmer im Straßenverkehr!“. Dann schaltete die Ampel auf grün und sie verschwand im Straßenverkehr. Ich stand wie angewurzelt mitten auf der Fahrbahn und wusste gar nicht, was ich dazu sagen sollte. Kopfschttelnde schwang ich mich auf mein Rad. Innerlich kochte ich. Mir stieg das Blut in den Kopf, aber es gab keinen Pol, um mich abzureagieren. Mehr als ein wiederholtes, sprachloses „Pff!“ konnte ich nicht von mir geben. Was wollte sie mir damit sagen? An welcher Stelle habe ich mich falsch verhalten? Was gibt ihr das Recht, mich als Verkehrsteilnehmerin beinah von der Straße zu drängen? Ja, ich bin berechtigterweise auf den Straßen unterwegs. Und ich habe mich regelkonform verhalten. Ich bin keine der Radfahrer*innen, die eine rote Ampel ignoriert, nur weil sie auf zwei Rädern unterwegs ist. Ich stehe in der Schlange an der Ampel nicht zwingend ganz vorn, nur weil ich der Meinung bin, ich kann mich durchzwängen, denn ich bin ja schmal. Ich achte auf Verkehrszeichen und ich warte lieber einmal länger, als dass ich unüberlegt drauf los fahre. Und sie schaut mir tief in die Augen und macht mir Vorwürfe. Weswegen? Ich habe tatsächlich keine Ahnung. Eine Woche ist vergangen und ich weiß nicht, was ich in ihren Augen falsch gemacht habe. Und das ärgert mich. Wie wäre ihre Version der Geschichte? Ist sie auch nach Hause gefahren und hat ihrem Mann erzählt, dass sie eine ignorante Radfahrerin vor sich im Straßenverkehr hatte? Würde ihr Mann nicken und sagen: „Gut, dass Du sie an einer so schmalen Stelle überholt hast!“

Es ist Wahnsinn, was wir uns täglich antun müssen. Wir Autofahrer*innen, die ihre Augen überall haben müssen, weil Verkehrsteilnehmer*innen auf zwei Rädern einfach so auftauchen und über rote Ampeln fahren, weil sie glauben, sie haben das Recht dazu.

Es ist Wahnsinn, was wir Radfahrer*innen immer wieder erleben, während wir ohne faradayschen Käfig schutzlos den Abgasen und Launen der Autofahrer*innen ausgesetzt sind.

Es ist Wahnsinn, was wir Fußgänger*innen ertragen müssen, während sich Radfahrer*innen auf unseren Wegen durchschlängeln, um rote Ampeln zu umgehen oder drängelnden Autos auszuweichen.

Es ist Wahnsinn, dass wir alle glauben, wir wären im Recht. Macht die Augen auf. Nehmt Rücksicht und seid wachsam. Für jeden einzelnen von uns, der draußen unterwegs ist.

Angekommen im jetzt

Ich bin bei Instagram über den Hashtag #mamasberatenmamas gestolpert und habe mich daran beteiligt. Ich habe darüber nachgedacht was ich mir raten würde, wäre ich jetzt mit meinem ersten Kind schwanger? So fing ich nochmal an, mich in die erste Zeit reinzudenken. In die Zeit, die so unwirklich begann. So schnell, wie Theo auf die Welt kam, so schnell war er auch wieder weg. Uns kurz auf den Bauch gelegt und sogleich abtransportiert; ins andere Krankenhaus; in einen Kasten, der ihn wärmt. Und wir blieben zurück. Nach etwas so Unfassbarem lagen wir allin gelassen im Kreißsaal und schwiegen uns die meiste Zeit an. Uns fehlten einfach die Worte für das, was plötzlich über uns hereinbrach. 6 Wochen zu früh, bewaffnet mit lediglich einer Flasche Wasser betraten wir die Entbindungsstation, ohne zu wissen, dass wir kein zweites Mal wiederkommen. Uns blieb weniger als eine Stunde, bis wir allein gelassen zurück blieben. Das hätte uns Zeit gegeben, die Situation zu realisieren. Uns auszutauschen. Und doch waren wir zu nichts dergleichen im Stande. Wir waren fassungslos. Es hatte uns kalt erwischt und ein wenig benebelt.

Ich hatte mir vorgestellt, dass ich die Nabelschnur auspulsieren lassen möchte. Ich wollte die Geburt im Wasser testen. Ich dachte daran, dass hin- und herlaufen sicherlich helfen kann. Ich war offen für so viele Dinge. Ich wollte, dass mein Mann die Nabelschnur durchtrennt. Ich hatte Respekt vor der Geburt und dachte, mit meiner Hebamme und meinem Mann an der Seite werde ich es schaffen. Und wie ich nach der zweiten Presswehe in den Kreißsaal wackelte, lag ich bleischwer auf der Pritsche und dachte keinen Moment daran, mich von dort weg zu bewegen. Ganze 25 Minuten blieben mir in dem Raum, bis ich einen durchdringenden Schrei hörte. Mein Sohn war geboren und es ging ihm gut. Genau das ging mir durch den Kopf. Ich lehnte mich beruhigt zurück und bekam keine Chance, auch nur einen einzigen Blick auf dieses kleine Wunder zu werfen. Sofort nahmen sie ihn mit, besorgt um seinen Zustand. Es blieb keine Zeit für eine Vorabuntersuchung. Es blieb unklar, warum die Geburt begann. Angst durchschnitt die Stille im Raum. Sorge, dass etwas nicht stimmen könnte. Also sollte alles sehr schnell gehen. Sich treffende Blicke von Ärztin und Hebamme. Ein zustimmendes Nicken. Ein Schnitt. Ein schreiendes Kind. Ich fühlte mich im Anschluss topfit, stieg von der Pritsche und lief durch den Kreißsaal. Man merkte mir nicht an, was soeben passiert war. Auch Stunden später, als ich meinen Sohn zum ersten Mal auf der Neonatologie besuchte, war ich fit. Und so machte ich weiter – als wäre nichts passiert.

Kurz bekam ich Theo auf den Arm. Es reichte gerade so für ein Foto. Dann wurde er mitgenommen und wir zurück gelassen. Viele fremde Personen betraten den Kreißsaal und versicherten uns, dass es ihm sehr gut geht. Ich glaube, ich habe nicht einen einzigen Moment gedacht, dass es anders sein könnte. Und so schickten wir unseren Familien ein Foto mit dem Text „Wir haben einen Theo“. Mehr wussten wir nicht zu sagen. Das Foto wurde lang nicht gesendet und der Text verunsicherte lediglich. Was für ein doofer Scherz sollte das sein? Sagt man nicht normalerweise, wie schwer und groß ein Kind geboren wurde? Als das Bild im Anhang schlussendlich doch gesendet wurde, wurde aus dem vermeintlichen Scherz Ernst.

Nach 2 Wochen kam er nach Hause. Wir verbrachten die letzte Nacht des Jahres 2017 mir Freunden und nahmen am kommenden Morgen unseren Sohn in Empfang. Nervös und glücklich zugleich. Ich erinnere mich, dass die erste Nacht aufregend war. Unsere Wohnung war viel kälter als das Krankenhaus und das merkte man dem kleinen Mann an. Jedes räuspern und zucken verunsicherte uns. Wir schliefen sehr unruhig und wuchsen nur Stück für Stück in unsere neue Rolle rein. Wir unternahmen genau wie vorher Dinge. Wir waren zu Geburtstagen eingeladen und nahmen ihn mit. Wir spazierten und trafen uns mit Freunden. Bis sich in mir irgendwann das Gefühl einstellte, dass alles zu viel wird. Theo nahm nicht genug zu. Er trank nicht ausreichend. Spuckte viel. Ich hatte mit Milchstau zu kämpfen und wollte ihm irgendwann einfach kein Fläschchen mehr dazu geben, sondern voll stillen. Ohne direkte Aufklärung ließ ich die Falsche weg. Meine Hebamme führte mit mir nie ein tieferes Gespräch übers Stillen, sodass ich stets davon ausging, es wäre alles ok so. Somit fragte ich sie auch nicht weiter danach. Dabei war nichts ok. Im Krankenhaus bekam er alle 4 Stunden etwas zu essen. Ich hätte ihn öfter stillen müssen. Es ihm öfter anbieten sollen. Und doch hielt ich mich an den Rhythmus, den wir beide kannten. Jedoch bekam er von mir allein wesentlich weniger, als in Kombination mit einem Fläschchen dazu. Der Rat der Hebamme, die Stillzeit zu begrenzen, damit er weniger spuckte, machte das Drama komplett. Wenn ich heute darüber nachdenke, dass ich folglich meinem frühgeborenen Sohn alle 4 Stunden für jeweils 8 Minuten pro Seite die Brust gab, wundert mich nicht, warum er nicht zugenommen hat. Zu der Zeit wurde ich mehr und mehr verunischert. Ärzte begutachteten meinen Sohn, nahmen Begriffe wie „unterernährt“ in den Mund, berührten sanft unterstützend meinen Unterarm und sagten mir, ich hätte einen tollen Sohn, stellten mir jedoch gleichzeitig eine Überweisung fürs Krankenhaus aus. An dieser Stelle veränderte sich alles für mich. Ich zweifelte an mir und meinem Bauchgefühl. Habe ich übersehen, dass mein Kind krank ist? Tauge ich als Mutter nicht? Alles Trugschlüsse, die mir in der Ruhe im Krankenhaus bewusst wurden. Ich kannte meinen Sohn sehr wohl. Ich wusste, dass er nicht krank war und habe dann auch erkannt, dass ich mich intensiver mit dem Stillen beschäftigen, mir vielleicht sogar Hilfe holen muss. So kam ich in die Stillberatung, die mich engmaschig begleitete. Jede Woche ein fester Termin im Kalender, der mir Kraft gab und mich so viel lehrte. Dazu einmal einen Schritt zurück gehen. Intensives Kuscheln und einander kennenlernen. Sich Zeit nehmen füreinander. Entschleunigen. Auch wenn eine Geburt nicht bedeutet, dass sich plötzlich alles um das Kind drehen muss, so bedeutet sie auch nicht, dass es so weiter geht, wie zuvor. Wir beide wollten unser Leben leben wir vorher. Wollten reisen und essen gehen. Cafés besuchen und auf Festivals fahren. Und genau das machen wir auch. Mit Abstrichen. Unser Tagesrhythmus hat sich verändert. Unsere Prioritäten haben sich verschoben. Unsere Themen haben sich geändert und Reisepläne werden angepasst.

Heute, nach monatelanger Begleitung durch meine Stillberaterin, bin ich in all dem angekommen. Ich mag es nicht als Rolle bezeichnen, denn ich studiere nix dafür ein, spiele keinem etwas vor. Ich bin ich. Ich bin ruhiger, als jemals zuvor. Ich bin gelassener, als ich es von mir kenne. Ich bin pragmatisch und nehme die Tage so, wie sie kommen. Es gibt Momente, da fällt mir all das schwerer, als an anderen. Aber alles in allem bin ich erfreut, wie sicher wir beide als Eltern sind. Wir sind angekommen, als Familie. Wir erkunden die Welt, noch einmal auf eine andere Art und Weise, durch eine neue Brille und mit viel Neugierde. Mit einem strahlenden Sohn, der uns jeden Tag erfreut anlächelt und mit dem ganzen Körper zappelt, sobald wir gemeinsam zu neuen Abenteuern starten.

Vom Umziehen und wachsen

„Ihr wollt umziehen, wenn Ihr schon ein Baby habt? Bist Du Dir sicher? Das wird mega anstrengend. Da habt Ihr Euch echt was vorgenommen“, haben Sie gesagt.

Ja, wir ziehen um. Was bleibt uns anderes übrig? Die Mieten hier sind zu teuer. Die Familie wohnt zu weit weg. Die Jobchancen sind nicht gerade rosig. Also heißt es weiterziehen. Umziehen also. Was soll ich sagen? Umziehen ist generell anstrengend. Ob schwanger oder mit Baby. Ob allein oder mit dem oder der Partner_in. Erinnert Euch mal zurück an Euren letzten Umzug. Am Ende in der alten Wohnung nur noch inmitten von Kisten leben. Am Anfang in der neuen Wohnung nicht wissen, wohin mit dem ganzen Kram, den man – aus welchen Gründen auch immer – doch nicht weggeworfen img-20180527-wa0006396915785.jpghat? „Ach Mist, jetzt hab ich die Kiste aufgemacht und kann die Hälfte noch gar nicht verstauen.“ Und so macht man eine neue Kiste auf und – schwupps – findet man sich bald inmitten halbleerer Kisten wieder. So stelle ich mir die nächsten Wochen manchmal vor, während mein Mann vehement betont, dass er nicht ewig zwischen Kisten leben wird. Als ich ihm sagte, dass Bekannte von uns, die im November umgezogen sind, nach 6 Monaten die letzte Kiste ausgepackt haben, hat er sich an den Kopf gegriffen und ganz stark untermalt, dass das bei uns nicht passieren wird. Mag sein, dass Ihr jetzt den Kopf schüttelt und sagt: „Wart’s ab. Du wirst schon sehen, dass es so kommen wird!“ Ich für meinen Teil kenne ihn mittlerweile ganz gut und glaube, dass er damit am Ende Recht behält. Fakt ist: mit einem #Baby ist das alles nicht so einfach wie zu der Zeit ohne. Aber wir können uns doch nach wie vor glücklich schätzen, dass er noch nicht krabbelt. Soweit dachte ich mir das zumindest. Und während ich so Kiste um Kiste einpacke und mich zwischendurch immer wieder dem ab und zu quengelnden Kind widme, wird mir eins klar: Wir stecken mitten im #19-Wochen-Schub! Ich nehme gern Abstand von Wir-Sätzen im Zusammenhang mit Taten rund um Theo, denn schließlich wechseln nicht wir seine hose, sondern ich tu das. Aber in dem Zusammenhang stecken wirklich wir alle mittendrin. Theo 24 Stunden über. Ich am schlimmsten nachts und mein Mann im #Halbschlaf während der Schlafpausen und Schrei-Attacken.

Ich habe zur Geburt von Theo das Buch #„Oje, ich wachse“ geschenkt bekommen und mich darüber tierisch gefreut. Anfangs ist es mir jedoch schwer gefallen, mich dort einzufinden. Aufgrund seines Status als #Frühchen, stimmen die Wochen nicht unbedingt miteinander überein. Die Osteopathin meinte dann mal zu mir, ich solle mich stets an dem Alter orientieren, welches er theoretisch gehabt hätte, wäre er nicht zu früh geboren worden. Das ist eine sehr positiv gerichtete Betrachtungsweise. Manche Dinge, die er beispielsweise mit 24 Wochen schon können müsste, kann er noch nicht. Ziehe ich jedoch die 6 Wochen ab, die er zu früh kam, stelle ich fest, dass er mehr kann als andere Babies im Alter von 18 Wochen und bin begeistert.

Wie ich nun also meine Kisten packe und mich ab und an Theo zuwende, denke ich daran, dass unser #Umzug kurz bevor steht. Weniger als eine Woche trennt mich von dem Tag, an dem das Umzugsunternehmen vor der Tür steht und alles in den LKW packt. Ein Luxus, den man mit Baby echt genießen kann, denn man muss nicht selbst tragen. Meine Gedanken schweifen ab und ich frage mich, was eigentlich mit Theo los ist. So quengelig kenne ich ihn eigentlich nicht. „Das müssen die Zähne sein“, denke ich mir und beginne zu rechnen. Am Montag wird er 19 Wochen alt. Also 19 Wochen, wäre er am errehneten Geburtstermin zur Welt gekommen. Ich erinnere mich, dass andere Mütter diese Phase mit Baby als ihre persönliche Hölle bezeichnet haben. Wenn ich also an letzte Nacht denke, kann ich das gut verstehen. Da mein Exemplar von „Oje, ich wachse“ bereits eingepackt ist,  suche ich im Internet nach Informationen rund um diesen Entwicklungssprung und werde schnell fündig.

„Voll erwischt: Der 19-Wochen-Schub“ heißt es in einem Blog.

„19 Wochen Schub, was ein Horro (lang)“ in einem anderen.

Was verbirgt sich also bei uns dahinter? Womit kann ich mich identifizieren? Er ist 03070651-00-00unruhig und launisch. Er kämpft sich beim Einschlafen wieder aus dem Eindösen heraus, sodass er mega wach ist. Er kommt einfach nicht zur Ruhe. Er schreit. Er tritt mich beim Stillen. Er dreht den Kopf hin und her währenddessen. Er verlangt mehr Trinken. Die Abstände werden kürzer und er trinkt total unkonzentriert, manchmal sogar nur ganz kurz. Er ist eindeutig abgelenkt und raubt mir den letzten Nerv.

Worauf kann ich mich nun also einstellen? Die Prognose ist, dass man die Kleinsten in dieser Zeit nicht oder nur selten ablegen kann. Sie wünschen sich dauerhafte Bespaßung und kleben an der Mutter wie ein Kaugummi. Im Internet wird mit #Verständnis geworben und man findet Forenbeiträge, in denen Mamas sich gegenseitig Motivation zusprechen. Durchhalten, heißt die Devise. Mehr kann man nicht tun.

„Das sind ja gute Aussichten“, denke ich mir nur.

Und während ich mir insgeheim wünsche, dass es ein ultimatives Rezept gibt, welches diesen Zustand lindert und verkürzt, so bin ich einfach dankbar dafür, dass ich nun weiß, was los ist. Ehrlich gesagt kam ich letzte Nacht mal wieder an meine Grenze und wenn ich nun so darüber nachdenke, dass Theo’s Verhalten genau auf all diese Dinge zurück zu führen ist, hilft mir das, damit anders umzugehen. Ich finde, man kann #Verständnis leichter dann aufbringen, wenn man weiß, womit man es zu tun hat. Wenn er einfach nur quengelt und ich nicht genau weiß, woran es liegt, sondern auf Zähne oder die Umstellung des Darms aufgrund von Beikosteinführung tippe, dann experimentiere ich einfach mit ein paar Dingen rum und hoffe auf Besserung. Dass sich dann nicht immer die erhoffte Wirung einstellt, liegt auf der Hand. Da ich aber jetzt weiß, was dahinter steckt, hoffe ich besser damit umgehen zu können und stelle mich darauf ein. Mein Mann sagt mir immer nur, ich muss ruhig bleiben, um ihn nicht noch mehr zu verspannen. Das ist manchmal leichter gesagt, als getan. Gerade dann, wenn es nachts wieder einmal besonders schwierig ist, fehlt mir die nötige Ruhe, um das zu akzeptieren. An diesem Punkt habe ich eindeutig noch zu arbeiten. Und auch wenn meine mangelhafte Geduld nicht bedeutet, dass ich grob ihm gegenüber werde, so merke ich doch, wie verzweifelt und angespannt ich werden kann und einfach darauf hoffe, dass irgendwer irgendetwas macht oder sagt, was mir hilft. Ich gebe die Verantwortung ab und hoffe auf ein Wunder, auf Motivation und Kraft. Oder auf eine Umarmung und Verständnis für diese anstrengende Zeit. Schlussendlich bin ich einfach dankbar für Forenbeiträge, Ratgeber-Bücher, Erfahrungsaustausch und Beistand untereinander. Denn nur so kann ich verstehen, dass ich mit diversen Dingen nicht allein dastehe und so viele andere Mamas nahvollziehen können, wie ich mich im Moment fühle. Und so wende ich mich wieder meiner Kiste zu und freue mich, dass umziehen für mich im Moment nur deshalb schwierig ist, weil wir in einer anstrengenden Phase feststecken. Ich habe sie fast fertig gepackt, als Theo nach mir ruft und ich die Kiste halbvoll offen stehen lasse.

Manchmal kommt es anders…

Als ich schwanger wurde, waren mir einige Dinge, die damit zusammenhängen, die auf mich zukommen könnten, nicht klar. Erst im Laufe der Zeit lernte ich, was alles dahinter steckt, was dazu gehört und wie das alles so sein kann bzw. in meinem Fall sein wird. Zum Beispiel bin ich stets davon ausgegangen, dass man – sobald man schwanger ist – keine Blutungen mehr hat. Und sobald man blutet, gleicht das quasi einem #Schwangerschaftsabbruch. Umso erschrockener waren mein Mann und ich, als ich eines Tages, nachdem wir bereits einen Teil der Familie eingeweiht hatten, Blutungen hatte. Traurig über den Verlust gingen wir am kommenden Tag zum Frauenarzt, um die Befürchtung bestätigen zu lassen. Wir haben uns bereits innerlich davon verabschiedet, dass unser Vorhaben gleich beim ersten Versuch geklappt haben sollte. Als der Arzt schließlich sagte, mit unserer kleinen Beere sei alles in Ordnung, konnten wir es kaum glauben. Noch ein zweites Mal hatte ich #Zwischenblutungen und ging, da ich nicht bis zur Sprechstunde meines Arztes am nächsten Tag warten wollte, ins nahegelegene Krankenhaus. Dort wurde ich direkt stationär aufgenommen und bekam homöopathische Medikamente, die die Gebärmutter beruhigen sollten und die Schwangerschaft mit mehr Ruhe weiterführen ließen. Auch gab man mir Medikamente, die mich beruhigen sollten. So ganz klar war mir das nicht, den ich empfand mich als wenig aufgeregt. Aber gut, ich blieb also 3 Nächte auf Station und wurde intensiv beobachtet. Man stellte fest, dass mejn Gebärmutter eine Zwischenwand habe und das Baby nur auf einer Seite wächst. Die andere war voll mit blutigen Gewebe, welches nach und nach abblutete. Als ich schließlich ein drittes Mal Blutungen hatte, war ich beruhigt, denn ich wusste woher das kommt und hatte Vertrauen in meinen Körper. Und so plötzlich wie sie kamen, gingen sie auch wieder. Irgendwann war beim Ultraschall zu erkennen, dass diese Zweiteilung nicht mehr vorhanden ist und sich das #Baby nun in der kompletten Gebärmutter ausbreitet. Avon da an konnte ich die Zeit komplett genießen. Da ich in der Straßensozialarbeit tätig war, erhielt ich von Anfang an ein Beschäftigungsverbot. Zu unsicher war, mit welchen Krankheiten ich stets in Kontakt kommen würde. Somit war ich ab Juni zu Hause, die Entbindung war Ende Januar angesetzt. Richtig viel Zeit also. Ich nutzte genau diese zum Reisen. Ich besuchte Freunde in ganz Europa und fuhr mit meinem Mann in den Urlaub. Ich dachte mir, dass ich nie wieder in meinem Leben so viel Zeit haben würde, also musste ich den Moment genau jetzt nutzen.

So unwissend – bezogen auf mögliche Begleiterscheinungen – meine Schwangerschaft startete, so endete sie auch. Sechs Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin merkte ich etwa 22 Uhr ein ziehen im Unterbauch und ging stark davon aus, dass es sich hierbei um Senk- oder #Übungswehen handelte. Ohne mir weiter darüber Gedanken zu machen, nahm ich instinktiv meine Wärmflasche mit ins Bett und schlief ein. Gegen 5 Uhr morgens wurden die Schmerzen langsam unangenehm und drückten mir auf die Blase. Ich nahm das kommentarlos hin, denn ich hatte ja noch Zeit bis zur eigentlichen Entbindung. Noch eine weitere Stunde später wurde ich jedoch langsam unsicher und rief meine Hebamme an. Ich sagte ihr, dass meine Übungswehen schmerzten und mich dies überrascht. In der Aufregung habe ich eindeutig vergessen zu erwähnen, dass sich diese in regelmäßigen Abständen bemerkbar machen und an Intensität zunehmen. Sie empfahl mir auf Basis meiner Angaben, ich solle ins Krankenhaus fahren, um mich untersuchen zu lassen. Sie riet mir zu einem CTG, bei dem Wehentätigkeit uns Herztöne des Kindes untersucht werden.

Mit einem ungewollten Stoß gegen das Bett riss ich meinen Mann aus dem Schlaf. Als ich dann noch sagte: „Wir müssen ins Krankenhaus!“, war er sichtlich nervös und stolperte verschlafen aus dem Bett. Ab dem Moment schoss Adrenalin bei mir ein. Irgendwas stimmt nicht und wir müssen ins Krankenhaus, dachte ich mir. Meine Hose anzuziehen wurde zu einer komplizierten Aufgabe. Zu stark wurde das Ziehen im Unterbrauch, sodass ich kaum die Beine heben und in die Hose einsteigen konnte. Es dauerte gefühlt ewig bis wir endlich aus dem haus kamen. Dabei spielte sich von nun an alles sehr schnell ab:

06:00 Anruf bei der Hebamme

06:05 Sergio wecken

06:20 Hose anziehen, Wasserflasche füllen

06:30 Taxi gerufen, es kommt jemand in 15 min

06:45 eine holprige Taxifahrt über Pflastersteine

06:50 Ankunft im Krankenhaus

06:55 auf der Wochenstation angekommen

07:00 Vorsprechen bei den Hebammen

07:05 (vergebliches) Positionieren des CTG

07:08 die Hebamme sagt, dass das Baby kommt…

Unfassbar! Es war viel zu früh, das durfte nicht sein. Aber wie ich schon die erste Presswehe spürte blieb mir wohl keine andere Wahl, als mit der Hebamme in den Kreißsaal zu wechseln. Die folgenden 25 Minuten vergingen rasch und hinterlassen ein Gefühl der Unwirklichkeit!

07:33 Theo ist geboren, 46cm, 2200g

Noch ziemlich benebelt vom eben Erlebten schrieben wir unseren Familien „Wir haben einen Theo!“. Mehr konnten wir nicht sagen. Mehr wussten wir nicht. Man trennte sofort die Nabelschnur und nahm ihn mit. Nicht einen Blick konnten wir erhaschen. Nur ein kräftiges Schreien, mehr blieb uns nicht. Wir hatten keine Informationen zu Gewicht und Größe. Wir blieben mindestens 30min unwissend und versetzten unsere Familien gleichzeitig in Schock über das, was eben passiert war. Normalerweise schickt man ein Foto und die jeweiligen Maße. Doch wir hatten nichts dergleichen. Nur einen Namen und die Gewissheit, dass es unserem Baby gut geht, denn das wurde uns mehrfach bestätigt.

Nach geraumer Zeit brachte man uns Theo ans Bett im Kreißsaal, bevor er in ein anders Krankenhaus überführt wurde. Dort, wo wir uns befanden, gab es keine Neonatologie, eine spezielle Station für Frühchen. Etwas später wurden auch wir in das andere Krankenhaus transportiert und konnten endlich zu unserem Schatz. Ein erstes Beschnuppern gab es im Kreißsaal, doch nun konnten wir kuscheln und uns richtig kennenlernen. Zwei Wochen blieb er im Krankenhaus, bevor wir ihn am ersten Januar 2018 mit nach Hause nehmen durften. „Wir haben einen Theo“ – seitdem jeden Tag an unserer Seite!!

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